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Soziale Frigidität und Sprachlosigkeit: Überangepasster Nischenmensch

zuletzt aktualisiert: 09.09.2005 - 22:02

(NGZ) Von Dagmar Kann-Coomann Ist er ein Irrer oder ein Monstrum, ein Teufel oder ein schrecklicher Unfall der Natur? Was er getan hat, ist jedenfalls unvorstellbar, grauenvoll: Mehr als vierzehn Menschen hat der in den siebziger Jahren in Duisburg gefasste Massenmörder Joachim Kroll nach eigenem Geständnis getötet, verurteilt wurde er wegen acht Morden, begangen hat er mindestens elf, so vermutet der Düsseldorfer Kriminalpsychologe Stephan Harbort.

Was ist so einer wie Kroll? Und wie kann er zwanzig Jahre Menschen ermorden ohne aufzufallen? Ratlos steht man vor dem Abgrund, der sich auftut, wo die völlige Absenz von Mitgefühl, Empathie, Erbarmen, Sozialität monströse Taten verursacht. „Ich musste sie kaputtmachen“ heißt das Buch, in dem Harbort versucht, diesen Abgrund auszuloten, sich heranzoomt an den Serienmörder Kroll mit dem Interesse des Kriminalisten, sensibel aber erfrischend frei von Voyeurismus oder Vulgärpsychologie.

Auf der Basis von Harborts Buch ist Patrick Schad und Marek Wander Wrobel vom „Einzig wahren Moment-Theater“ eine ungeheuer packende szenische Lesung gelungen, ein Bühnenabend der ganz besonderen und absolut sehenswerten Art, intensiv, erschütternd, nachdenklich.

Durch gute Textauswahl und brillante darstellerische Leistungen gelingt es beiden, ein vielschichtiges Bild von Kroll zu geben, dem grenzdebilen Hilfsjobber, der jahrelang mit seinem Mofa durch die Gegend fährt, nach Frauen und Kindern sucht und einer Gelegenheit, sie zu ermorden, immer wenn er das bekommt, was er „das komische Gefühl“ nennt. Einen gleichgültigen, gelangweilten Kroll im Verhör zeigt Wrobel, einen, der sich windet und doch offen über alles Auskunft gibt, ohne Schuldgefühl, ohne Reue.

Verwirrt, verstört nach seiner Verhaftung, selbstbezogen in seiner Wahnwelt, im Alltag unauffällig bis zur Unsichtbarkeit: Viele Facetten des äußerlich überangepassten „Nischenmenschen“ Kroll präsentieren Schad und Wrobel und lassen ihn doch ein Stück weit fremd wie die dunkle Figur auf der Bühne, die dem Publikum den Rücken zugewandt hat, in Umrissen erkennbar und doch in seiner Monströsität ein Fremder.

Eine elende Kindheit, „soziale Frigidität“, Sprachlosigkeit und Chancenlosigkeit, all das zeigen Schad und Wrobel als Faktoren, deren Summe doch keineswegs das Monstrum gebiert, lassen aufrechterweise Fragen offen und stellen pragmatisch und erfrischend lieber die nach der Prävention: Textausschnitte aus der Arbeit der Berliner Charité, die das weltweit erste Projekt zur Prävention sexualisierter Gewalt betreibt, geben Perspektiven, potentielle Täter womöglich zu therapieren, bevor sie eine Gefahr werden.

Auf diese Weise gelingt beiden ein grandioser Abend, der nicht die Bestie vorführt wie im Kuriositätenkabinett, sondern zum Hinschauen und Nachdenken anregt, zum Fragen stellen und Lösungen finden. Besser geht’s nicht.

Info Nächste Vorstellungen: 10. und , 11. September, jeweils 20 Uhr, Kulturkeller, Oberstraße Karten ( zehn Euro) 02131/273242

Quelle: NGZ

 
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