Paul Potts - top oder flop?
Eine WG ist immer auch Umschlagplatz für Meinungen, ein Verladebahnhof für Trends. Schließlich duplizieren sich Gespräche und Besuche, und eigentlich wäre es gar keine so schlechte Idee, beim gemeinsamen Plausch gleich Stift und Blatt parat zu halten und parallel einen Fragebogen auszufüllen. Die WG wäre dann eine Art Allensbacher Institut – nur nicht am Bodensee, sondern am Rhein. Sarah und ich wären sicher eine würdige weibliche Nachfolge für die Mutter der modernen Meinungsforschung, Elisabeth Noelle-Neumann.
Ja, und für unser erstes Projekt würde sich zum Beispiel Paul Potts eignen. Klar, dass er derzeit verkauft ohne Ende. Aber was ist in einem Jahr? Wird er sich halten können? Oder ist er doch nur eine britische Eintagsfliege? Wie dem auch sei, zu Paul Potts hatte bislang jeder Gast, jeder Gesprächspartner am Telefon eine Meinung. Und auch ohne sozialwissenschaftlichen Unterbau ist Sarah und mir klar: Es gibt zwei Lager. Für die einen ist er der nervigste Inselimport aller Zeiten. Ein dicker Hamster, der mit seinem rührseligen Telekom-Werbespot einfach nur auf den Zeiger geht.
Für die anderen ist er ein wahrer Held. Ein Handy-Verkäufer aus armen Verhältnissen, ein kleiner, untersetzter Mann mit Mondkalbgesicht und schiefen Vorderzähnen, ein Typ, der schon von der ersten Klasse an zu denen zählt, die man aus Prinzip hänselt und rumschubst. Und dann diese Wahnsinnsstimme, mit der er Menschen das Herz öffnet und zugleich Einlass gewährt in seinen inneren Garten, der paradiesischer und schöner kaum sein könnte. Plötzlich macht der blasse Handy-Verkäufer Hoffnung - und Mut. . . Hier wird gerade klar, zu welchem Lager Sarah und ich zählen. Paul Potts ist ein Sänger, der auf jeden Fall mal unter unserem Fenster trällern dürfte.
Aber man sollte aufpassen, was man sich wünscht. Die Wunschfee ist leider nicht immer treffsicher. In meinem Fall hat sie ziemlich danebengergriffen. Es war letzten Samstag, so gegen fünf Uhr in der Früh. Ein Feierwütiger kam auf die glorreiche Idee, die Straße mit seiner Stimme zu beschallen. Für solche Sänger braucht es keine Umfragen. Das nächste Mal regnet es einen Eimer kaltes Wasser!














