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Dormagen: Aufstand der Pensionäre

VON CHRIS STOFFELS - zuletzt aktualisiert: 19.06.2008 - 22:07

Dormagen (NGZ). Die Bayer-Beistandskasse hat ihr System der Gewinnzuschläge abgeschafft. Viele Bayer-Pensionäre protestieren. Eine Mitgliederversammlung in der Wiesdorfer Bürgerhalle wurde wegen des starken Andrangs verschoben.

Hans-Joachim und Renate Thiede aus Delhoven sind wie viele andere verärgert über den jüngsten Bescheid der Bayer-Beistandskasse. Sie sollen auf einmal jährlich 1000 Euro weniger bekommen als früher. Eine Mitgliederversammlung platzte.  Foto:  H. Jazyk
Hans-Joachim und Renate Thiede aus Delhoven sind wie viele andere verärgert über den jüngsten Bescheid der Bayer-Beistandskasse. Sie sollen auf einmal jährlich 1000 Euro weniger bekommen als früher. Eine Mitgliederversammlung platzte. Foto: H. Jazyk

Dormagen/Leverkusen Hans-Joachim Thiede aus Delhoven ist fassungslos. Seit fast 50 Jahren haben er und seine Ehefrau Renate in die Bayer-Beistandskasse eingezahlt. „Uns geht es darum, im Todesfall abgesichert zu sein“, berichtet Hans-Joachim Thiede.

Das ging lange gut. Bis jetzt. Thiede: „Auf einmal gibt es 1000 Euro weniger pro Beitragsjahr.“ Damit wollte er sich nicht abfinden, fuhr zur Mitgliederversammlung der Beistandskasse am Montag Nachmittag in die Wiesdorfer Bürgerhalle.

Und er erlebte ein Fiasko: „500 Plätze zählt die Halle, gekommen waren mehr als 1000 Mitglieder der Kasse.“ Alle wollten ihrem Ärger Luft machen. Im Vorfeld waren bereits schriftlich 500 Anträge auf Wiedereinführung der Gewinnzuschläge beim Vorstand der Beistandskasse mit Lutz Cardinal von Widdern an der Spitze eingegangen.

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Sterbekassen

Sterbekassen sind eine Art Lebensversicherung, die im Todesfall ausgezahlt wird. Die Sterbekasse deckt dann vor allem die Bestattungskosten ab oder richtet die Bestattung gar aus. Sie zeichnen sich durch vergleichsweise geringe Beiträge und oftmals durch eine lange Beitragsdauer aus.

Der Vorstand steht unter Druck: Die Mitgliederversammlung wird verschoben, der Frust der rund 95 000 Mitglieder der Kasse gegen die Streichung hält an.

Nach Angaben des Vorstandschefs der Kasse muss die Sterbekasse in zwei Richtungen Tribut zollen: Zum einen muss sie die neuen gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Das bedeutet, sie muss Vorsorge für eine höhere Verlustrücklage treffen, das Eigenkapital stärken und das gegenüber früher deutlich gesunkene Zinsniveau verkraften.

Zum anderen hat die „Sterbekasse“ offenbar deutlich an Attraktivität verloren: Immer mehr Beschäftigte des Chemie- und Pharmakonzerns gehen andere Wege der Absicherung im Todesfall. Das bedeutet: Die Abgänge aus den Sterbefällen können nicht mehr durch Neuzugänge kompensiert werden.

In einer Mitteilung der Beistandskasse heißt es: „Die Kasse überaltert zunehmend, und die größte Zahl der Beitragszahler sind damit Pensionäre.“ Die Beitragspflicht endet erst mit 85 Jahren. Das bedeutet unter dem Strich: Die Beiträge sinken, die Ausgaben steigen.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, hat die Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr - zu ihr kamen wie üblich 30 bis 40 Mitglieder - beschlossen, den Gewinnzuschlag zu streichen.

Dafür wurde das so genannte „Bonussterbegeld“, eine weitere Komponente der Auszahlung, erhöht. Doch offensichtlich rechnet sich jetzt das System für die Mitglieder nicht mehr. Die Thiedes aus Delhoven beklagen - wie viele andere auch - ein Minus von bis zu 1000 Euro pro Jahr.

Von Widdern selbstkritisch: „Offensichtlich wurde die Streichung des Gewinnzuschlags nicht richtig rübergebracht.“ In dem Brief an die Mitglieder fehlte eine plausible Begründung für den Systemwechsel.

Jetzt soll zu einem neuen Termin in einen größeren Saal eingeladen werden und ein weiterer Versuch unternommen werden, die Lage der Kasse und die Notwendigkeit der Umstellung zu vermitteln.

Das genaue Datum steht noch nicht fest. An der Notwendigkeit lässt von Widdern keinen Zweifel - und auch die Rücknahme der Entscheidung ist ausgeschlossen: Erst in zwei Jahren wird wieder über die Gewinnverwendung entschieden.

Von Widdern: „Die Zuteilung der Bonussterbegelder wurde in den vergangenen Monaten bereits verwirklicht.“

Das jährliche Anlagevermögen der Bayer-Beistandskasse liegt nach Angaben des Vorstands bei 14 bis 15 Millionen Euro. Zuständig für die Anlage ist Finanzvorstand Stefan Nellshen.

Das Ziel der Bemühungen ist laut von Widdern: „Wir achten darauf, dass wir die Garantieverzinsung von 3,5 Prozent mit möglichst sicheren Vermögenswerten erwirtschaften.“

Hans-Joachim und Renate Thiede aus Delhoven warten mit Spannung auf den neuen Termin. „Das lassen wir uns nicht so ohne weiteres gefallen. Wir fordern eine genaue Rechenschaft, was mit unseren Beiträgen genau geschieht.“

Quelle: NGZ


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