Dormagen (NGZ). Dormagen Braatz - Joachim und Erika Braatz. Manch altem Dormagener kommt die Erinnerung. An den Maler und seine Ausstellungen in Dormagen, an die Illustrationen in der Kölnischen Rundschau, in der gängigen Ausgabe der Dorfchronik des Johan Peter Delhoven, an verwegene Frauenbilder, Köpfe, die damals noch Gesichter hatten, durchdringende Augen, deren Körper sich dann in einer grazilen, pointierten Vielfarbigkeit des Bildes verlieren.
Es waren die sechziger und siebziger Jahre in Dormagen. Joachim und Erika Braatz lebten mit ihren beiden Töchtern Therese und Rebecca über dem Textilhaus Hildsberg an der Kölner Straße - eine Künstlerklause mit besonderem Erinnerungswert. Erika Braatz betrieb zunächst in Dormagen, später bis 1977 in Köln eine damals revolutionäre Form des Modegeschäfts: „Kunst und Mode“ - Bilder von ihm, Mode, zum Teil in Paris gekauft, nach ihrem Gusto.
Joachim und Erika Braatz sind zurück. 1979 haben sie Dormagen verlassen, lebten in Quadrat-Ichendorf, auf Rhodos und lange in Spanien in der Nähe von Gerona in einem Talkessel mit Blick auf die Pyrenäen in der Ferne. An der Museumsstraße inmitten der Zonser Altstadt sind sie seit gut einem Jahr heimisch geworden. Mit Hund - „einem Scheidungsopfer“ - und „Müller“, einem Freund, der den Butler und Chauffeur mimt; eine Livrée ist bereits in Auftrag gegeben.
Joachim Braatz ist im 82. Lebensjahr: „Ich wollte heim.“ Ganz im Gegensatz zu seiner Frau: „Ich wäre gerne in dem Haus in Spanien geblieben.“ Die Weite, die Einsamkeit, das freiere, sonnenbehaftete Leben. Ihn zog es zurück: „Im Alter ist es gut zu wissen, dass ein Arzt in der Nähe ist“, die Bequemlichkeit des Einkaufens, die direkte Verbindung zu allen wichtigen Dingen des Lebens - nicht zuletzt der Ballungsraum der Kultur, die Ausstellungen, die eigenen Möglichkeiten die Werke zu zeigen.
Joachim Braatz malt immer noch Figurinen, oftmals in der Pose, wie die alten Meister sie darstellten. Doch die Menschen auf den Bildern haben ihre Gesichter verloren, sind anonym, fremd - zum Teil unheimlich. Die früher fein gegliederte Farbigkeit ist großflächigen Fein-Abstufungen von Grau- oder Brauntönen gewichen. Früher deutete die reliefartige Struktur der Bilder die Suche nach Form und Sinn. Joachim Braatz war damals gefragter Illustrator, beschäftigte sich intensiv mit Graphik, radierte, zeichnete, lithographierte, bemalte Zinnfiguren. Spuren sind in den alten Bildern zu finden.
Die Bilder der vergangenen Jahre sind stiller, weniger aufreizend, abgeklärter, in sich gekehrt. Was früher als schriller Schrei gedeutet wurde, ist heute stumme Klage. Aber was für eine! Im „Tod der Maschine“ windet sich eine Medusa um blanke Teile eines kalten Apparates, das „Große Fressen“ konfrontiert geköpfte Puppen-Wesen mit Alten Meisters, „Königin Mutter“ blickt mit grausig-unnahbarer Distanz - böse Bilder. Leere Augen auf einem anderen „Porträt“, die Nichtigkeit der karierten Bluse dominiert das Bild.
Joachim Braatz zeigt seine Werke, deutet sie selber nicht. „Die Bilder sprechen für sich.“ Nur selten bricht er aus seiner Verschlossenheit aus. Er öffnet sich in den Bildern, nicht im Sprechen über sie. „Psychischer Formalismus“ hat sie der ehemalige Direktor des Außenreferats der Kölner Museen, Günter Ott, einmal genannt. Das trifft die Braatzsche Bildwelt nur zum Teil. Es sind schöne, zum Teil dekorative Schreckensbilder mit einer Art befreiender Wirkung.
Das Stumpfe und Anonyme der Personen lenkt die Betroffenheit von dem Betrachter ab, hin zu dem Maler. Er nimmt die Ab- und Hintergründe, die sich in den Werken auftun, auf sich - Braatz will zeigen, künstlerisch befremden - doch im Grunde nicht betroffen machen. Das Werk wirkt wie die Suche des Malers nach einem verlorenenen, nach einem verschütteten Trauma.
Die Umrisse dreier Personen in einem leeren Raum, in feinsten Grautönen aufeinander abgestimmt - deutet die Isolierung an, zeigt sie, der Maler vermeidet die direkte Konfrontation. Die Direktheit und Spontaneität der früheren Bilder ist eine kühlen Überlegung, dem malerischen Blick gewichen - das Trauma zeigt ausgesprochen schöne Seiten.
Joachim Braatz wurde 1925 in Breslau geboren. Er musste 1944 noch in den Krieg, kam nach Ungarn, wurde durch einen Lungenschuss verwundet. Nach Kriegsende schlug er sich zunächst nach Landshut in Bayern durch. 1948 fand er seine Mutter, die nach der Flucht in Dormagen gestrandet war.
Nach einer kurzen Episode bei Bayer studierte Joachim Braatz an den Kölner Werkschulen unter anderem bei Professor Alfred Will. Bereits als Kind hatte er sich für Zeichnern und Malen begeistert, unterstützt von seinem Vater. Eine kleine Kopie eines alten Meisters, die er als 16-Jähriger gemalt hat, zeigt er auch heute noch voller Stolz.
Dormagen wurde zur Heimat der Familie. Er zeichnete, illustrierte, malte, gab Volkshochschulkurse, gab kurzzeitig im Gymnasium Kunstunterricht, arbeitete in sozialen Einrichtungen. Kunst hatte in den sechziger und siebziger Jahren Konjunktur in Dormagen. Otto Andreas Schreiber, Joachim Braatz, Siegfried Neuenhausen standen für diese Künstler, die in Dormagen bekannt waren, aber weit über die Stadt hinaus strahlten. Viele Familien in und um Dormagen hatten es damals zu einem gewissen Wohlstand gebracht, und es gehörte zum „guten Ton“, sich mit Werken dieser Künstler zu umgeben, Kontakt mit ihnen zu pflegen.
Anknüpfen an diese Zeit? Das gewisse Lebensgefühl, die Aufbruchsstimmung und Unruhe, die die Sechziger und Siebziger prägten ist längst verflogen, haben Existenzängste um das nackte Überleben auf der einen und Luxussorgen auf der anderen Seite abgelöst. Joachim Braatz, der stille, in sich gekehrte Maler hat es schwer. In einer Zeit, in der eine schrille Geste oder ein Riesenformat gelegentlich im Kunstbetrieb mehr zählen als ernsthafte, in Jahrzehnten gereifte Kunst, sucht er sein Gewicht.
Die Stadt, die ihm zur Heimat wurde, will ihn ehren: Anfang 2008 ist eine große Ausstellung seiner Werke im der Glasgalerie im Kulturhaus an der Langemarkstraße geplant. Ein großes Ziel des Künstlers - eine Chance für ihn und die Dormagener, sich wieder näher zu kommen.
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