Dormagen (NGZ). Die Verlegung eines Stolpersteins für Ernst Junghans hat die Stadt vorige Woche abgesagt und damit auf Bedenken von Karl Emsbach reagiert. Der Leiter des Kreisarchivs stellt das Stolperstein-Gedenken als Ganzes zur Diskussion.
Es war ein bitterer Moment für Peter Herrmann. Der Enkel von Ernst Junghans verfolgte am vergangenen Freitag die Stolperstein-Verlegung für die jüdische Familie Katz an der Krefelder Straße. Den Stolperstein für seinen Großvater, den Künstler Gunter Demnig ebenfalls dabei hatte, wurde nicht verlegt. Dienstags war die Familie von der Stadt über die Absage informiert worden – mit dem Hinweis, dass "neue Erkenntnisse weitere Recherchen" nötig machten.
Mit Erkenntnissen waren die Einwände von Karl Emsbach gemeint. Der Leiter des in Zons ansässigen Kreisarchivs hatte der Stadt in einem Brief Anfang voriger Woche seine Bedenken gegen die Stolperstein-Verlegung mitgeteilt, nach dem er durch die Einladung realisiert habe, für wen die Stolpersteine gedacht waren. Emsbach betont allerdings, selber keine Aufhebung der Verlegung verlangt zu haben.
Stolpersteine
Gunter Demnig hat bis heute rund 24 000 Stolpersteine an etwa 500 Orten in Deutschland und im Ausland verlegt – zuletzt war er in Rom.
Er erinnert mit den Gedenksteinen an die Opfer der NS-Zeit, vor deren letzten selbstgewählten Wohnort Demnig die Namen der Opfer in den Gehweg einlässt.
Seine Bedenken aber gelten nicht nur der Stolperstein-Verlegung für Ernst Junghans, der Februar 1933 in Dormagen von Kugeln aus der Waffe eines Polizisten tödlich getroffen wurde. In seinem Fall spricht für Emsbach zu viel gegen das öffentliche Gedenken. Die im Kreisarchiv befindliche Akte ließe darauf schließen, dass sich Junghans mit anderen kommunistischen Widerstandskämpfern einen Bandenkrieg mit Nationalsozialisten geliefert habe, bei dem er selber zum Täter wurde, ehe ihn der Polizist auf der Flucht erschoss. Der Familie hat Emsbach seine Kenntnisse vergangenen Mittwoch persönlich erläutert. "Dass die Angehörigen enttäuscht sind, kann ich gut verstehen, zumal die Familie eine andere Version von den Geschehnissen hat. Junghans hat kurz vor seinem Tod die eigene Unschuld beteuert." Genau geklärt sind die Umstände seines Todes bis heute nicht – Emsbach will weiter forschen. Er stellt aber nicht nur in Frage, ob ein Stolperstein für Ernst Junghans angemessen sei. Sein Brief habe auch der Stolperstein-Widmung an Familie Katz gegolten.
Denn Emsbach stellt die ganze Stolperstein-Praxis in Frage: Ihm fehlen klare Kriterien bei der Auswahl der Nazi-Opfer, denen gedacht werden soll. "Für mich besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen jemandem, der ermordet wurde, und einer Familie, die Hab und Gut verloren hat." Prinzipiell finde er es richtig, den Kreis der Verfolgten auszuweiten. "Aber es muss darauf geachtet werden, die wirklichen Opfer abzugrenzen – sonst weicht man die Kriterien, die bei den Stolpersteinen ursprünglich angelegt worden sind, immer weiter auf." Der Stolperstein für Ernst Junghans ist inzwischen Teil der Ausstellung in der Buchhandlung "seitenweise".
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