Dormagen (NGZ). Herr Röhrig, woher kommt die Faszination Mittelalter?
Röhrig Das Interesse liegt daran, dass das Mittelalter eine vermeintlich geborgene Zeit war. Wenn man Leute nach dem Mittelalter fragt, hört man Begriffe wie Burgfräulein oder Ritterrüstung. Wir hören immer die Gauklerklänge im Hintergrund.
Wird die Zeit als Idyll missverstanden?
Röhrig Ein Stück weit schon. Es hat mit Sehnsucht nach Entschleunigung zu tun. Unsere Großeltern haben drei, vier neue Erfindungen pro Jahr erlebt, wir sind mit der gleichen Zahl in der Woche konfrontiert. Die Zeit scheint überschaubarer zu sein als unser Alltag. Beim Interesse an Geschichte geht es immer wieder darum, dass wir mit unserer Zeit nicht fertig werden.
Kommt daher auch das Interesse an historischen Romanen, die im Mittelalter spielen wie ihr "Lamm unter Löwen" über Friedrich II.?
Röhrig Natürlich. Wir können diese Zeit als etwas Abgeschlossenes begreifen. Die Bücher stillen unsere Sehnsucht nach bewältigter Zeit.
Möchten Sie im Mittelalter leben?
Röhrig Nicht für Kuchen (lacht). Wenn man um die Unwichtigkeit menschlichen Lebens und die politische Unsicherheit weiß, merkt man: Wir leben in einer begnadeten Zeit. Im Mittelalter war die Kuh mehr wert als der Bauer. Individuum war man erst am Hofe.
Wie gelingt es Ihnen, die mittelalterliche Welt lebendig werden zu lassen?
Röhrig Indem ich die Augen schließe und ein neues Leben aufbaue. Ich habe eine sehr gute plastische Vorstellungsgabe und kann in Köln oder Zons moderne Gebäude ausblenden. Etwa ein Jahr lang bereite ich mich auf das Schreiben vor.
Was bringt die Beschäftigung mit dem Mittelalter den Menschen?
Röhrig Es geht nicht darum, sich in einer vergangenen Welt zu verstecken. Beim Lesen und Nachdenken soll das Gefühl entstehen: Das hat alles mit meinem Leben zu tun. Wir wachsen auf der Geschichte.
Heiko Schmitz führte das Gespräch. Tilman Röhrigs aktuelles Buch: "Caravaggios Geheimnis", Pendo, 19,95 Euro.
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