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Schiedsleute immer stärker in Streit-Schlichtung gefragt: Engelszungen und Faust auf dem Tisch

zuletzt aktualisiert: 20.12.2002 - 21:49

Schiedsleute immer stärker in Streit-Schlichtung gefragt (NGZ). Vom vorweihnachtlichen Frieden hat Anton Becker noch nicht viel gespürt. Handfeste Auseinandersetzungen in Kneipen, das böse Wort unter Nachbarn, der Streit um die kleinen Beträge sind die täglichen Themen bei dem Siebzigjährigen. Seit elf Jahren ist der agile Senior Schiedsmann - er ist es mit Leib und Seele. Der tägliche Ärger landet bei ihm. Die Polizei führt ihm "Kundschaft" zu ebenso wie das Ordnungsamt, so bei Beleidigungen, Schlägereien und ähnlichen Bagatelldelikten. Ein Streit muss nicht immer gleich vor dem "Kadi" enden... NGZ-Foto: Hans Jazyk

Die Gerichte kämen mit Verhandlungen in diesen Sachen gar nicht mehr von den Aktenbergen herunter. Seit einiger Zeit ist der Arbeitsaufwand auch bei den Schiedsmännern und -frauen noch deutlich angestiegen: Durch die Neuregelung der Zivil-Prozess-Ordnung (ZPO) kommen nur noch Fälle mit einem Streitwert von mehr als 600 Euro zu Gericht - die Bagatell-Auseinandersetzungen landen beim Schiedsmann. Und Anton Becker versucht zu schlichten mit dem ganzen Repertoire seiner Erfahrung, mal mit Engelszungen, mal mit der Faust auf dem Tisch.

Noch vor zwei Jahren kam er auf die Traumquote von fast 100 Prozent geschlichteter Auseinandersetzung. Heute gehen "nur" noch drei Viertel der Streithähne schiedlich friedlich auseinander. Anton Becker macht die Ursache bei den Rechtsanwälten aus: "Viele wollen gar nicht, dass der Streit geschlichtet wird, sondern wollen mit einem Prozess Geld verdienen." Wie das aussehen kann, schildert Becker: "Einer der Beteiligten sass in der Sühneverhandlung und las in einer Zeitschrift, während sein Anwalt redete. Da bin ich dazwischen gefahren."

Verhandelt wird im kleinen Trauzimmer des Historischen Rathauses - nicht immer ein gutes Omen. Auf dem Flur und vor dem Schreibtisch gab es auch schon einmal eine handfeste Keilerei zwischen Ausländern, bei der selbst Anton Becker um seine Gesundheit und das städtische Mobiliar fürchtete. Auf der anderen Seite hat er auch schon scheidungswillige Paare vor sich sitzen gehabt, die sich um den Hausrat fast prügelten und schlimmste Beleidigungen gegeneinander ausgestoßen hatten, die dann Arm in Arm das Trauzimmer verließen.

Anton Becker kann sehr energisch werden, doch mit einem guten Schuss Einfühlungsvermögen und dem gelegentlichen Sinn einer "rheinischen Lösung" hat er sich im Laufe der Jahre hohen Respekt erarbeitet. Becker wird wie die übrigen drei Schiedsmänner in Dormagen in den juristischen Hintergründen regelmäßig geschult. "Doch wichtiger als die Juristerei ist oft der gesunde Menschenverstand - und die Erkenntnis, dass meist beide Parteien Schuld tragen." Im Amtsgericht Neuss steht auch ein Richter bereit, der den Schiedsmann bei Bedarf berät, dem die Protokolle der Verhandlung vorgelegt werden, der die Aufsicht über die Schiedspersonen führt.

Ein Hintergrund, auf den Becker gerne zurück greift. Vor die Schlichtung hat der Gesetzgeber 40 Euro gestellt - jedem der Beteiligten soll vor Augen geführt werden, dass Streiten teuer ist. "Die Hälfte der Gebühren bekommt der Schiedsmann", berichtet Peter Hilgers, im städtischen Service Recht für das Schiedswesen zuständig. Die Aufsicht wird zwar bei Gericht geführt, doch die Bestellung der Schiedsmänner und -frauen und die Ausstattung der Schlichter ist Aufgabe der Stadt. Und nach Angaben von Peter Hilgers wird es zunehmend schwieriger, Männer und Frauen für diese wichtige Aufgabe zu begeistern.

Auch Anton Becker hat festgestellt, "dass der Arbeitsaufwand zugenommen hat". Etwa 50 Mal wurde er in diesem Jahr angerufen, bei den übrigen Schiedspersonen war es zum Teil deutlich weniger. Nach der Aufnahme des Falles, der Ladung zur Verhandlung und der Verhandlung selbst muss ein Protokoll angefertigt werden, der so genannte Sühnebericht, der später dem Amtsgericht vorgelegt wird. "Da kommen schon einige Stunden zusammen", rechnet Becker zusammen. Doch er möchte diese Aufgabe nicht mehr missen. Er ist gerade in seinem Amt bestätigt worden, obwohl er bereits die 70 erreicht hatte, normalerweise auch für Schiedsmänner die Altersgrenze.

Die Schiedsbezirke in Dormagen: Dormagen, Rheinfeld, Horrem: Anton Becker, Tel.: 46595; Hackenbroich, Delhoven: Dieter Lieck, Tel.: 82048; Zons, Stürzelberg: Wolfgang Horst, Tel.: 215218,; Nievenheim, Delrath, Straberg, Gohr: Wolf Oppermann, Tel.: 71323. Chris Stoffels

Quelle: NGZ


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