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Kanzelrede von Professor Faruk Sen: Gemeinsamer Weg zum Frieden

zuletzt aktualisiert: 03.02.2003 - 21:11

Kanzelrede von Professor Faruk Sen (NGZ). "Schwelende Konflikte auf der Welt werden Widersprüchen zwischen Religionen und Kulturen zugeschrieben. Dabei gibt es über Religionsgrenzen hinweg einen gemeinsamen Weg zu Frieden." Das war die Botschaft, mit der Professor Faruk Sen in die Evangelische Christuskirche kam. In seiner Kanzelrede entwickelte der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen vor 80 Zuhörern das Gemeinsame der Religionen.

Nur wenige Kommunalpolitiker hatten den Weg in die Christuskirche gefunden. Faruk Sen ist kein Theologe - "ich halte zum ersten Mal in einer Kirche eine Rede -, sondern Politologe. Und so widmete er sich im weiten Teil seiner Rede der Situation der Muslime in Europa. Gegenseitige Ängste führten dazu, dass das Zusammenleben der Muslime und anderen Menschen in Deutschland in vielen Bereichen zurzeit von einem Nebeneinander statt vom Miteinander geprägt sei.

Professor Sen will diese Ängste abbauen helfen, den "vermeintlichen Widerspruch der Religionen" auflösen. Juden, Christen und Muslime - "alle drei sehen den lebendigen Gott als Schöpfer von Himmel und Erde und zukünftigen Weltenrichter". Gott, Allah, Jahwe, "meint es gut mit den Menschen". Mehr als 700 Mal sei im Koran von Gottes Barmherzigkeit die Rede. Faruk Sen zitiert Koranverse, in denen der Frieden im Mittelpunkt steht, geht über zur Bergpredigt und zur Aufforderung "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" - auch als Aufforderung zu Toleranz zu verstehen.

"Eine solche Denkweise weist den Weg zu einem Frieden der Religionen und Kulturen. Wir können den gemeinsamen Schatz des Friedens nur dann bergen, wenn sich Muslime, Christen und Juden auf gleicher Augenhöhe begegnen." Sonst drohe die Instrumentalisierung von Religion für politische Zwecke. Krieg dürfe aber "mit dem Hinweis auf Gott, Jahwe oder Allah nicht gerechtfertigt werden". Kurz geht Faruk Sen auf den drohenden Irak-Krieg ein, "die USA haben keine Legitimation für einen Krieg", schwenkt "zum Frieden in Europa über".

Immerhin 14 Millionen Muslime lebten in der Europäischen Union. "Viele Menschen betrachten nach den Terroranschlägen in New York alle Muslime als islamische Fundamentalisten". Umgekehrt sei "das größte Problem muslimischer Migranten in Deutschland die Angst vor rechtsradikalen Ausschreitungen". Die Erfahrungen in Mölln Anfang der 90er, Solingen und anderswo sitzen tief. Die Folgen: "Etwa seit 1993 baut die türkische Bevölkerung in Deutschland eine eigene ethnische Infrastruktur auf - mit Jugendzentren und Diskos. Ein friedliches Zusammenleben existiert seit einigen Jahren nicht mehr, heute haben wir ein friedliches Nebeneinander."

Faruk Sen heißt diese Entwicklung nicht gut, zumal "wir wissen, dass die meisten Türken in Deutschland bleiben werden". Er wirbt für Verständnis, den Austausch zwischen den Religionen. "Religionsunterricht für Muslime sollte in den Schulen gehalten werden, damit die Koranschulen an Bedeutung verlieren, und zwar auf deutsch, damit auch Kinder mit anderer Religion hineinschnuppern können." Überhaupt sieht der Politologe positive Ansätze in Europa.

"Der Islam wird immer stark von seiner jeweiligen Umgebung geprägt. In Europa wird sich mehr und mehr ein Euro-Islam entwickeln. Schon jetzt gehen muslimische Jugendliche an einem Tag in die Disko, um am nächsten Tag wie selbstverständlich zu fasten." Eines hatte der Gast mit seiner Rede und der lebendigen Diskussion auf jeden Fall erreicht: "Wichtig ist, dass wir im Gespräch bleiben", sagte Pfarrer Frank Picht. Carsten Sommerfeld

Quelle: NGZ


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