Dormagen (NGZ). Dormagen Es ist eine Horrorvorstellung: Ein junger Mann springt an einem lauen Sommerabend in den Bodensee und wird von seinen Freunden querschnittsgelähmt aus dem Wasser geborgen. Das einzige Zeichen für eine Verletzung ist ein Kratzer am Ohr.
„Das Wasser war nicht flach, es wurde nachgemessen und war 1,90 Meter tief“, erinnert sich Lars Janzen. Er kann sich bis heute nur an einen Knacks, nicht aber an eine Bodenberührung erinnern. Doch der schwere Einschnitt brachte drastische Veränderungen mit sich. War er vorher selbstständig, ist der Dormagener heute auf Hilfe angewiesen. Trotzdem trägt der 30-Jährige einen großen Lebenswillen in sich. Er kämpft für ein „normales Leben“ und vor allem eine Arbeitsstelle, die seinem Leben einen neuen Sinn geben soll.
Nach dem folgenschweren Unfall war nichts mehr wie vorher. Zehn Monate zwischen Krankenhäusern und Rehaklinik ließen erst einmal die Hoffnung auf eine vollständige Genesung sinken. Danach folgte eine „vegetative Phase“, wie Janzen die dreieinhalb Jahre in einem Behindertenheim bezeichnet. Erst im vergangenem Jahr nahm er die Kraft zusammen, sich ein neues, selbstständiges Leben aufbauen. Jetzt hat Lars Janzen sein Selbstbewusstsein wieder: Er will leben und arbeiten, wie andere Menschen auch. Einen ersten Schritt hat er schon unternommen: Er hat sich zum Technischen Rathaus fahren lassen und hat um ein Praktikum gebeten.
Beschäftigtenzahl
Bei der Stadt Dormagen arbeiten momentan 43 Menschen (von insgesamt 784 Beschäftigten) mit einer Behinderung. Sie arbeiten teils Teil- teils Vollzeit. Damit liegt die Stadt Dormagen deutlich über den vorgeschriebenen Durchschnitt. Rechtlich müsste sie nämlich nur 29 Mitarbeiter mit Behinderung einstellen.
„Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als er vor fünf Wochen in mein Büro kam und mich fragte, ob ich nicht Arbeit für ihn hätte“, sagt Hans-Jürgen Mrohs, Betriebsleiter des Eigenbetriebs Gebäudewirtschaft, dem Lars Janzen sichtlich am Herzen liegt. Für Mrohs ist selbstverständlich, dem Bauingenieur ein Praktikum zu ermöglichen. Mit so viel Entgegenkommen hat Janzen nicht gerechnet. „Ich schreibe nicht gerne Bewerbungen, weil sich die Personalchefs unter meiner Situation nicht viel vorstellen können. Deshalb stelle ich mich lieber persönlich vor und erkläre meine Lage. Aber dass es in meiner Heimatstadt klappt, hätte ich nicht gedacht“, erklärt der 30-Jährige, der 1996 auf dem Bettina-von-Arnim Gymnasium sein Abitur gemacht hat und im Anschluss Bauingenieurwesen in Köln studierte. Vier Wochen vor dem folgenreichen Sprung in den Bodensee hat er sein Studium abgeschlossen.
Jetzt lebt er in einer behindertengerechten Wohnung mit 24-Stunden-Betreuung, die ihm nicht nur bei alltäglichen Dingen hilft, sondern auch im Beruf. „Wenn ich beispielsweise Akten aus dem Regal brauche, bin ich froh, dass immer jemand bei mir ist“, sagt Janzen offen. Er selbst konzentriert sich auf Computerarbeiten. Der 30-Jährige ist ab dem vierten Halswirbel gelähmt, kann er seinen Oberkörper, die Arme und den Hals eingeschränkt bewegen. Deshalb benutzt er zum Schreiben einen Stift, den er in den Mund nimmt, um damit tippen zu können. Auf diese Weise schreibt er für den Eigenbetrieb Rechnungen und Ausschreibungen. Eine Arbeit, die ihm viel Spaß macht.
Das Praktikum soll Ende September auslaufen. Wie es weitergehen wird, weiß noch niemand. Hans-Jürgen Mrohs kennt keine offene Stelle im Eigenbetrieb. „Vielleicht lässt sich aber eine Planstelle schaffen, damit Herr Janzen bleiben kann“, sagt er hoffnungsvoll. Die Entscheidung darüber müsse jedoch von der Politik getroffen werden. Wenn es nicht klappen sollte, will Lars Janzen weiter für seine Rechte und sein Leben kämpfen., denn er sagt: „Ich kann und will arbeiten“.
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