Dormagen (NGZ). Zum 150-jährigen Bestehen der Friedensschule in Gohr erzählen eine Schülerin und ein Ehemaliger von ihren sehr unterschiedlichen Erlebnissen in der Grundschulzeit. Zwischen ihnen liegen 46 Jahre.
Alles sieht noch so aus wie damals. "Da drüben war unser Klassenzimmer," erzählt Günter Hützen und zeigt mit dem Finger auf eine Tür. "Und da ist meine Klasse", erklärt Clara Boddenberg stolz nur einen Raum weiter. Zwischen den beiden Türen liegen nur wenige Meter, doch die Erfahrungen, die Clara und Günter hinter diesen Türen gemacht haben, sind meilenweit voneinander entfernt.
Clara ist zehn Jahre alt, wurde 2006 eingeschult und geht jetzt in die vierte Klasse der Friedensschule. Günter Hützen dagegen ist 56 Jahre alt und besuchte ab 1961 für vier Jahre die Schule in Gohr. Anlässlich des 150. Schulbestehens in diesem Jahr erzählten die beiden der NGZ von ihren unterschiedlichen Erfahrungen.
Friedensschule Gohr
Die Grundschule in Gohr besteht seit 1860. In ihrer 150-jährigen Geschichte hat sie Hochwasser, Epidemien und die Weltkriege überstanden.
Seit dem Schuljahr 2008/09 bildet die ehemalige Astrid-Lindgren-Schule einen Schulverbund mit der Friedensschule in Nievenheim.
"Manchmal haben wir morgens eine Stunde Freiarbeit. Schwere Knobelaufgaben machen wir in der Gruppe, weil jeder andere Ideen hat," beginnt Clara zu erzählen. Alternative Lehrmethoden? Die kennt Hützen nicht. Frontalunterricht war angesagt. "Der Lehrer hat erzählt, und wer es nicht verstanden hat, hat Pech gehabt. ,Vogel friss oder stirb' lautete die Devise. Schlechte Schüler wurden einfach fallen gelassen."
Die Ansprüche sind gestiegen. "Von Subjekt, Prädikat und Objekt haben wir in unseren ersten vier Schuljahren nichts gehört", weiß Hützen zu berichten. "Ich schon!" entgegnet Clara keck. Beim Umgang mit fehlenden Hausaufgaben und frechen Schülerkommentaren liegen Welten zwischen damals und heute. "Ein Eintrag ins Klassenbuch, die Lehrerin schimpft und wir müssen die vergessenen Aufgaben nachholen", zählt die 10-Jährige den Strafenkatalog auf. Man begegnet den Grundschulkindern auf Augenhöhe. "Damals war das anders" – Günter Hützen erinnert sich ungern an die rauen Umgangsformen. "Es gab weder Sonderschulen noch einen schulpsychologischen Dienst. Die Lehrkräfte waren auf sich gestellt." Heute wird das Kollegium von Integrationshelfern und Sonderpädagogen der Friedensschule in Nievenheim unterstützt.
Clara ist katholisch und besucht den katholischen Religionsunterricht. Trotzdem kennt sie den Begriff Protestanten und weiß, was Ökumene ist. Heute wird auch über den Koran gesprochen, auch wenn keine muslimischen Schüler da sind. Vor 45 Jahren war auch das ganz anders. "Getrennter Religionsunterricht? Nee, selbst die evangelischen ,Blauköpfe' wurden einfach ignoriert", sagt Hützen. Auch Klassenfahrten, Nachhilfestunden und Schulausflüge sind Hützen fremd. "Mein erstes Fahrrad hab ich zur Kommunion bekommen." Clara flitzt schon auf ihrem vierten Rad zur Schule.
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