Dormagen (NGZ). Dormagen Allein unter der Zirkuskuppel in der großen Manege. Das Licht geht an, das Spotlight sucht Pascal. Er steht im Rampenlicht. Sein Blick irrt, er findet Halt in den Augen der Zuschauer. Die ersten ungelenken Bewegungen, dann wird er sicherer, spielt den Noah, so wie er es die vergangenen Wochen geübt hat. Am Schluss eine Sekunde Stille. Dann brandet Beifall auf - sein Applaus.
Pascal stand bisher auf der Schattenseite des Lebens, jetzt fängt ihn der Scheinwerfer des Erfolgs ein.Pascal lebt im Raphaelshaus, dem Jugendhilfezentrum in Dormagen. In diesem Augenblick ist er der Größte. Die dunklen Seiten seines Lebens verblassen in diesem Moment. So wie bei Jessica und Sabrina, die Fledermäuse spielen oder den Voltigierern Michael, Kevin, Joe und Rachel.
Triumphe - Szenen, die sie nie vergessen werden. Sie schöpfen Kraft. „Arche Noah“ ist das Thema des „Varieté Raphael“. Zirkuspädagogin Tanja Halberstadt: „Bei einem Zirkusprojekt geht man mit den Kids in einen gemeinsamen Prozess, in dem viele soziale und emotionale Fähigkeiten eingeübt und verlangt werden, und das auf eine nette Art und Weise.“ Hinter den 60 Kindern und Jugendlichen liegen harte Wochen des Trainings und der Tränen, der Misserfolge, der Zweifel und des Glücks.
„Varieté Raphael“ nennt sich das Zirkusprogramm des Dormagener Jugendhilfe-Zentrums. Ein Erfolg bei der Premiere vor einigen Wochen in der zur Manege umfunktionierten Voltigierhalle. Die unterschiedlichsten Charaktere machten mit, je nach Fähigkeiten und Neigungen. Wer sich das Rampenlicht noch nicht zutraute, konnte trotzdem mitmachen, servieren, Kostüme nähen, bügeln, schminken.
Jonglieren war angesagt, das Balancieren der Teller auf dünnen Stöcken. Das Raphaelshaus-Lama wurde „dressiert“, soweit es möglich war, das Therapeutische Reiten wurde kurzerhand zum Voltigieren umfunktioniert. Natürlich dürfen die Raubtiere nicht fehlen, Kinder schlüpfen in deren Felle.
Zirkus im „Varieté Raphael“ - ein Vergnügen mit Tiefgang. Poesie, Träume der Jungen und Mädchen, die Welt der bunten Seifenblasen und der schillernden Kostüme halten Einzug in die Jugendhilfe. Doch, was in der Manege so leicht und locker wirkt, unterliegt strengen Gesetzen.
Nur mit Disziplin, Durchhaltevermögen, der Fähigkeit, auch einmal Niederlagen wegstecken zu können, ist Zirkus möglich, kann dieses Bild des Erfolgs im Rampenlicht aufgebaut werden. Nach der Erlebnispädagogik und der Einbindung der Tiere in die Therapie hat Raphaelshaus-Leiter Hans Scholten den Zirkus als pädagogisches Mittel wiederentdeckt. Bereits in den neunziger Jahren gab es Ansätze, die sich dann aber verloren.
Der Neustart ist professioneller. Die Schulpädagogin Tanja Halberstadt und ihre Kollegin Irene Mess sind die ersten Zirkuspädagogen im Raphaelshaus. Weitere werden folgen mit der einjährigen Zusatzausbildung, zertifiziert vom Bundesverband Zirkuspädagogik in Hannover unter der Leitung von Fons Bennink und Oliver Glähse, die auch das Raphaelshaus-Projekt anstießen.
Hans Scholten zitiert den Leitsatz der Zirkuspädagogik: „Unter der Zirkuskuppel findet jeder seinen Platz - der Schwache und der Starke, der Gescheite und der Behinderte, der Geübte und der Anfänger.“ Der Zirkus als Kosmos für die Stärken und Schwächen der Kinder und Jugendlichen. Das erste Publikum des Varieté Raphael ist begeistert. Kinderaugen glänzen, manche Mutter verdrückt sich eine Träne - sie erkennt in dem Lama-Bändiger, der frech und frei ins Publikum schaut, kaum ihren Sohn wieder.
Das Licht geht aus, die Gesichter werden abgeschminkt, doch die Gedanken der Jungen und Mädchen kreisen weiter um diesen Abend, ihre Vorstellung. Sie traten hinaus ins Rampenlicht - ein Stückchen weiter hinaus in ein neues Leben.
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