Psychiater Dr. Michael Osterheider sprach von der Kanzel (NGZ). Das christliche Weltbild fordert Vergebung von Schuld, Toleranz, Barmherzigkeit. Doch wie weit können diese von Jesus vorgelebten Ideale gehen? Gelten sie auch für die Terroristen des 11. September in New York, auch für Robert Steinhäuser, den Attentäter von Erfurt? Ein hoch spannendes Thema hatte sich Dr. Michael Osterheider bei der Kanzelrede in der Christuskirche vorgenommen.
Er ist Leiter des "Westfälischen Zentrums für Forensische Psychiatrie" in Lippstadt, der größten psychiatrischen Einrichtung für Straftäter in Europa. Ein Mann, der sich beruflich mit dem so genannten "Bösen im Menschen" befasst. Dieses "Böse" ist in den Augen von Osterheider die tiefgreifende Störung unserer selbst geschaffenen Ordnung, der bewusste Akt, die Grundbedingungen und den Konsens des friedlichen Zusammenlebens zu durchbrechen, zu zerstören. Dahinter können krankhafte Störungen wie Psychosen stehen oder Irreleitungen wie religiöser oder politischer Fanatismus. In diesen Abgründen von Menschen gibt es laut Osterheider kein Tabu, keine Grenze. "Die Bestialität und Brutalität übersteigt jede Vorstellungskraft."
Aber Osterheider sagt auch: "Die Gesellschaft schafft sich ihre Täter selbst." Erst mit der tiefen Auseinandersetzung, dem "Kommunizieren" mit den geschriebenen und ungeschriebenen Normen, die das Grundgefüge unseres Zusammenlebens bilden, sei auch Verständnis für das "Ab-Norme" möglich. Erst das Hinterfragen unseres Weltbildes öffne den Blick für diejenigen, die sich außerhalb dieses von Menschlichkeit und gegenseitiger Achtung getragenem Weltbild stellen. Ein Weg, den Jesus vorgelebt hat, den schon das Alte Testament in den Mittelpunkt seines Gottes- und Weltbildes gestellt hat.
Dennoch ist es ein weiter Weg bis zur Barmherzigkeit für Terroristen, Mörder, Sexualstraftäter. Osterheider nennt Beispiele: Mögen die Zuhörer noch einen Rest an Verständnis für einen jungen Mann aufgebracht haben, der während eines USA-Aufenthaltes mit Drogen in Berührung kommt, unter religiösen Wahnvorstellungen leidet und in einer Psychose "wie aus heiterem Himmel" seinen Vater ersticht, "um ihm den Teufel auszutreiben." Doch die Bereitschaft zur Barmherzigkeit fällt ungleich schwerer bei jenem Mann, der früh als Tierquäler auffällig wird, schließlich zum vierfachen Sexualmörder mit kaum fassbarer Brutalität wird und sich jeder Therapie verweigert.
Es wirkt wie eine Provokation, wenn Osterheider auch für diesen Menschen, der alle Grenzen menschlichen Zusammenlebens für sich außer Kraft setzt, Toleranz einfordert. "Wo ist die Messlatte für Barmherzigkeit? Wird unsere Barmherzigkeit zur Generalamnestie für Verbrechen?" Die Auseinandersetzung mit den Wurzeln unseres Zusammenlebens, das Gespräch mit Patienten und Therapeuten der Kliniken kann Ängste abbauen helfen. Doch bei den Zuhörern in der Christuskirche blieb mancher Zweifel zurück. Chris Stoffels
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