Grevenbroich: Ein Stück Kirche bleibt erhalten
Grevenbroich (NGZ) Südstadt Das große Kreuz hängt noch in der Kirche, im Foyer verkündet ein Plakat „Gott ruft“. Doch die evangelische Matthäuskirche ist entwidmet, in einem beeindruckenden Gottesdienst nahm die Gemeinde Abschied vom Gotteshaus. „Wenn man die Pläne sieht, ist das bei allem Traurigem eine optimale Lösung“, gewinnt Pfarrer Hans-Jürgen Ziegenhagen der einschneidenden Veränderung Positives ab. Der Bauverein Grevenbroich errichtet bis 2008 in den Mauern des Gemeindezentrums und in zwei Neubauten 32 barrierefreie Wohnungen für Betreutes Wohnen, gestern stellte er die Pläne vor.
Für den Bauverein ist das Projekt ein Einstieg in Neues. „35 Prozent unserer Genossenschaftsmitglieder sind bereits über 60 Jahre alt. Auf den sich verändernden Bedarf wollen wir reagieren“, erklärt Vorstand Bernd Schotten, der sich in Zukunft weitere Projekte für Betreutes Wohnen vorstellen kann. Vor einem halben Jahr war er auf die Werkgemeinschaft Quasten+Berger zugegangen mit der Frage: „Können Sie sich vorstellen, eine Kirche umzubauen? Nach einem Wochenende sagte mir Günter Quasten, ,Ja, es geht’“, erzählt Schotten, der noch die erste grobe Planskizze dabei hatte.
Am Mittwoch konnte Quasten bereits anschauliche Computer-Grafiken präsentieren. „Die Umgestaltung von Kirchen ist eine Herausforderung für die Zukunft“, bundesweit stünden etwa 700 Kirchenbauwerke vor einer neuen Funktion. „Wichtig ist, eine würdevolle Nutzung zu finden, mit der auch die Kirchengemeinde einverstanden ist“, so Quasten, der betont: „Ein Stück weit bleibt die Kirche der Südstadt erhalten.“
Der Bauverein und das Diakonische Werk kooperieren bereits beim Projekt „Miteinander - Füreinander“ zur Wohngebietsbetreuung. Mit Veranstaltungen, Nachbarschaftstreffs, Bewohnerbeiräten, aber auch mit individueller Betreuung soll Mitgliedern des Bauvereins in Krisen und in Notlagen geholfen sowie Vereinsamung vermieden werden.
Während in Dormagen-Horrem die Markuskirche einem Seniorenzentrum weicht, wird in der Südstadt der Baukörper weiter genutzt. Beispielsweise wird das heutige Foyer zum Gemeinschaftsraum. „Wir bieten der Gemeinde an, dass sie diesen Raum auch für Arbeitskreise nutzen kann“, so Schotten. Der Kirchturm verschwindet nicht, sondern soll gekappt werden und den Namen der Wohnanlage tragen - die im Plan stehende Bezeichnung „Matthäushof“ ist noch nicht endgültig. „Ich weiß noch, wie meine Frau und meine Schwiegermutter für die Kirchen-Glocken gesammelt haben“, erinnert sich Schotten.
„Die Substanz der aus den 70er Jahren stammenden Kirche ist gut“, stellt Quasten fest. Schwierig sei aber, das Dach über dem Kirchenraum abzutragen, der Bereich soll um ein Geschoss aufgestockt werden. Die rote Steinfassade bleibt erhalten, die Gestaltung der Neubauten im 5500 Quadratmeter großen Gelände mit viel Grün lehnt sich daran an. In zwei Etagen und einem Staffelgeschoss entstehen auf 1800 Quadratmetern zumeist Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen mit zwischen 47 und 62 Quadratmetern.
Die individuell abzustimmende Betreuung der Bewohner übernimmt das Diakonische Werk im Kreis. „Die Betreuung wird auf jeden Fall einen 24-stündigen Hausnotruf umfassen“, erläutert Diakonie-Geschäftsführer Bernd Gellrich. Das abgestufte Angebot an Leistungen soll vom Hausmeisterservice über Hilfe bei Behördenformularen bis zur häuslichen Pflege reichen. Den Standard soll ein Qualitätssiegel „Betreutes Wohnen“ des Landes vorgeben. Die Preise für den Grundservice stehen noch nicht fest, doch Bernd Kummer, Aufsichtsratsvorsitzender des Bauvereins, betont, dass es „uns nicht um Gewinnmaximierung, sondern um attraktiven und bezahlbaren Wohnraum geht“.
Im Frühjahr sollen die Bagger anrollen. Von einigem „Gerenne“ in den vergangenen Monaten berichtet Bauvereins-Vorstand Norbert Steffen, Antragsfristen waren zu halten. In den kommenden Tagen sollen die Baugenehmigung und die letzte Förderzusage eintreffen.
Glückliche Fügung: Das Vorhaben entspricht einem Förderprojekt des Landes, das rund 1,7 Millionen der 3,3 Millionen Euro Kosten trägt. „Das machte uns die Entscheidung für das Projekt leichter“, so Steffen. Den Rest schultert der Bauverein mit Hypotheken und Eigenkapital. Auch das Landeskirchenamt hat zugestimmt, nächste Woche wird der Kaufvertrag unterschrieben. Die Baupläne betrachtete auch Martha Ganter, 29 Jahre lang Küsterin in der Kirche. „Es ist traurig, aber das Projekt ist eine gute Sache.“




















