Grevenbroich (NGZ). Erfunden wurde sie von Schweizern, doch die Grevenbroicher stehen mit ihr heute an der Weltspitze:
In der Schlosstadt wird Aluminiumfolie produziert – unter dem Motto "Haaresbreite ist uns noch zu dick".Seine Stirnglatze erklärt Werksleiter Stefan Kästner (57) so: Er habe sich schlichtweg zu viele Haare ausgerupft – aus Demonstrationszwecken vor Besuchergruppen. Denn das Top-Produkt, das bei Hydro auf fisselige sechs Mikrometer gewalzt wird, ist etwa neunmal dünner als das menschliche Haar. Auf ihr High-Tech-Produkt namens Aluminiumfolie sind die Grevenbroicher stolz: "Weltweit sind wir der größte Standort, an dem Folie gewalzt wird", unterstreicht Kästner.
Die Alu-Folie wird 100 Jahre alt – und sie wurde von den Schweizern erfunden: Im Herbst 1910 baute Robert Victor Neher in Kreuzlingen das erste Walzwerk, das Dank eines prominenten Großauftrags rasch schwarze Zahlen schrieb. Neher produzierte Folien für die Firma Tobler, die damit ihre markanten Dreiecks-Schokoriegel verpackte. Die bis dahin verwendete Zinnfolie namens Stanniol hatte ausgedient.
Meilensteine
1922 Gründung der Rheinischen Blattmetall AG.
1947 Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg als REBAG.
1970 Umfirmierung in "VAW Folien AG", Investition von 60 Millionen Mark in Walzwerk 1.
1985 Bau und Inbetriebnahme der Serie 2.
2002 Verkauf an Norsk Hydro.
Seit nunmehr 87 Jahren wird auch an der Erft gewalzt – und das nicht zu knapp: "Grevenbroich ist heute die Hauptstadt der Aluminiumfolien", sagt Business Unit-Leiter Manfred Mertens (56). Rund 1800 Mitarbeiter sorgen für eine Jahresproduktion von 120 000 Tonnen, minütlich werden etwa 2500 Meter gewalzt. Eingesetzt werden die ultradünnen Folien etwa in der Süßwaren-, Lebensmittel-, Verpackungs- und Pharma-Industrie.
Der Grundstein für das Unternehmen, das heute vorwiegend für Europa, Afrika, Asien sowie Nord- und Südamerika produziert, wurde 1923 gelegt. Die "Rheinische Blattmetall" ließ sich aus zwei Gründen in Grevenbroich nieder – einerseits wegen der Nähe zu den Stromproduzenten, andererseits wegen des Rhein-Maas-Kanals, der am Werk entlang fließen sollte. Letzterer ging zwar nie über das Planungsstadium hinaus, was dem Erfolg des Unternehmens jedoch keinen Abbruch tat: "Das Werk wurde kontinuierlich ausgebaut, heute stehen wir an der Weltspitze", so Mertens.
Ein Grund für Stefan Kästner, mit Optimismus in die Zukunft zu blicken: "So wie wir aufgestellt sind, ist der Bestand des Werks in den nächsten zehn bis 20 Jahren gesichert." Um sich im globalen Wettbewerb behaupten zu können, müssten jedoch die Rahmenbedingungen stimmen: "Wir sind stark von den Energiepreisen abhängig. Würde Europa mit zusätzlichen Abgaben belegt, hätte die Aluminiumindustrie ein Problem."
Apropos Zukunft: In der Hydro-Forschungsabteilung in Bonn wird an noch dünneren Folien getüftelt – mit "Dicken" bis zu drei Mikrometern. Für Stefan Kästner vielleicht auch ein Grund, sich um seine verbliebene Haarpracht allmählich Sorgen zu machen.
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