Grevenbroich (NGZ). Kapellen Richtlinien sind wichtig, das steht außer Frage. Wie wichtig sie sind, daran scheiden sich im neuen Wohnbaugebiet in Kapellen momentan die Geister. Denn während die ersten Häuslebauer strengen Vorgaben unterlagen, fallen die zuletzt hochgezogenen Häuser völlig aus dem Konzept. „Wir sind an diese so genannte Entwicklungsleitlinie gebunden, da sie Bestandteil des notariellen Kaufvertrages ist“, erklärt Andreas Phillipp die Situationen, „und am Dienstag wurde hier ein Haus hochgezogen, das den First nach unserem Plan in die falsche Richtung hat.“
Diese Anschuldigungen gehen keineswegs gegen den Bauherren - vielmehr ärgert sich die Nachbarschaft, dass auf einmal solche Änderungen von Seiten der Stadt und der Deutschen Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft (DSK) ermöglicht werden. „Hier wird mit zweierlei Maß gemessen“, äußert Britta Philipp ihr Unverständnis. Schon das Baugerüst sei ihr komisch vorgekommen, worauf sie bei der Stadt nachhakte. „Man hat uns gesagt, dass sie seitens der Politik ’gezwungen’ wurden, diesen Bauantrag zu genehmigen“, so Andreas Phillip.
Das bestätigte am Dienstag auch der Pressesprecher der Stadt Grevenbroich, Norbert Häke, auf Anfrage der NGZ. „Diese Genehmigung wurde auf Wunsch der Politik erteilt“, sagte Häke. Weitere Auskunft konnte er zu dem Fall jedoch nicht geben, da sich der zuständige Dezernent, Werner Hoffmann, momentan im Urlaub befindet.
Standort-Entwicklung
1998 Untersuchung des Standorts
1999 Wohnungsprognosen
1999 Städtebaulicher Ideenwettbewerb beginnt
2002 Bebauungsplanverfahren
2004 Erster Spatenstich, Bau der Kanalisation
2005 Die Vermarktung startet
2006 Fertigstellung der Baustraßen, Abschluss der ersten Kaufverträge, die ersten Häuser werden gebaut
Um die Verwirrung vor Ort perfekt zu machen, kommt hinzu, dass das neue Haus eine rote Verklinkerung bekommen hat, während die umliegenden Häuser weiß oder in einem hellen Gelb verputzt sind - gefragt wurden hier niemand. „Die Farbwahl ging bei uns damals so weit, dass das Bauamt vor Ort war und eine Farbschablone an das Nachbarhaus hielt, um zu kontrollieren, ob unser Farbton übereinstimmt“, erzählt Birgit Anger. „Zuvor bin ich mit einem Exemplar unserer Dachziegel beim Bauamt vorstellig geworden, um zu klären, ob diese den genauen Farbanforderungen, einem Anthrazitton, gerecht werden.“ Rund 20 000 Euro Mehrkosten sind auf jeden Betroffenen zugekommen, da kein so genanntes Typenhaus errichtet werden konnte, sondern eine individuelle Gestaltung durch einen Architekten erforderlich war.
Auch Marcus Dassen zeigt sich von den aktuellen Geschehnissen etwas irritiert: „Auf einmal scheint alles möglich zu sein.“ Dabei seien die Auflagen so streng gewesen, dass viele Interessenten wieder abgesprungen sind. „Auch wir haben das überlegt“, sagt das Ehepaar Phillipp, da beispielsweise 1000 Euro hinterlegt werden mussten, falls der Bepflanzungsplan nicht eingehalten wird. „Wir haben es aber doch gemacht, weil wir von dem Konzept überzeugt waren.“
Neben dem am Montag hochgezogenen Haus weichen auch weitere der gerade in der Bauphase befindlichen Häuser zum Teil stark vom Konzept ab. „Da steckt aber ein Bauträger hinter und da geht es natürlich um weit mehr, als bei einem kleinen Einfamilienhaus“, mutmaßen die jungen Hausbesitzer. Warum die Änderung aber für ein einzelnes, freistehendes Haus genehmigt wurde, bleibt ihnen ein Rätsel.
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