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Grevenbroich: Crashtest mit Wildschwein

VON CARSTEN SOMMERFELD - zuletzt aktualisiert: 21.04.2010 - 12:44

Grevenbroich (NGZ). Viele Autofahrer unterschätzen das Risiko eines Wildunfalls oder reagieren bei Begegnungen falsch. Bei der Wildunfall-Tagung beim ADAC verdeutlichte eine Kollision Auto gegen Wildschwein-Dummy die Aufprallfolgen.

Plötzlich rasen drei Wildschweine von rechts auf die Straße, der Zusammenprall lässt sich nicht mehr vermeiden. Eine Bache fliegt durch die Luft, der vordere Teil des Wagens ist total verformt. Doch niemand ist verletzt: Die Schweine sind Dummys, die Vorderscheibe des Autos mit einem Stahlgitter geschützt – der Unfall wurde auf der Teststrecke des ADAC-Fahrsicherheitszentrums bei Gustorf simuliert.

"Wenn ein Wildschwein bei Tempo 60 auf ein Auto prallt, entspricht die Wucht dem Gewicht eines Nashorns – 3,5 Tonnen", erklärt Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdschutz-Verbandes. Der DJV richtete mit dem ADAC und dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat die zweite Wildunfall-Fachtagung in Grevenbroich aus, zu der auch Landesverkehrsminister Lutz Lienenkämper kam.

Info

Wildunfälle im Kreis

Auch im Rhein-Kreis Neuss ereignen sich jedes Jahr etliche Unfälle mit Wild. "Im Jahr 2009 wurden uns insgesamt 103 Wildunfälle gemeldet – insbesondere mit Rehen, seltener mit Fuchs, Wildschwein oder Hase", berichtet Polizeisprecher Bernd Schmutzler.

Ein Mensch wurde dabei leicht verletzt.

Im Jahr 2008 gab es bei 104 Unfällen im Kreis ebenfalls einen Leichtverletzten.

100 Experten von Behörden, Verbänden und Unternehmen befassten sich mit der Frage, wie das Unfallrisiko gesenkt werden kann. "Das Thema unterschätzen sowohl Politik als auch Autofahrer", erklärt Reinwald. "Das Statistische Bundesamt weist nur Wildunfälle mit Verletzten und Toten aus. Insgesamt ereigneten sich aber 2009 in Deutschland rund 250 000 Unfälle mit Wildtieren." Die Folge: 27 tote Menschen, 3000 Verletzte, eine halbe Milliarde Euro Sachschaden – und hunderttausende getötete Rehe, Wildschweine, Hirsche und andere Tiere.

Verstärkte Aufklärungsarbeit fordern die Veranstalter – und eine bundesweit einheitliche Erfassung und Auswertung von Wildunfällen, um Unfallschwerpunkte auszuloten. "Wir verfügen über modernste Erfassungs- und Auswertungsmethoden. Es ist nicht nachvollziehbar, warum diese Verfahren, verbunden mit einer zielgerichteten Prävention, nicht in allen Bundesländern eingesetzt werden", vermisst ADAC-Präsident Peter Meyer ein einheitliches Vorgehen, sieht manches im Argen. Einigkeit besteht darin, dass vor allem Vorsicht und angepasste Fahrweise Leben retten können.

"Doch viele Autofahrer rechnen nicht mit Wildtieren – auch weil das Verkehrszeichen ,Wildwechsel' an sehr vielen Stellen steht", so Torsten Reinwald. Eine Lösung an Unfallschwerpunkten: "Elektronische Warnanlagen, die herannahende Tiere etwa mit Infrarot erfassen und nur dann auch Autofahrer warnen." Eine solche Anlage "haben wir im Reichswald südlich von Kleve errichtet", erklärte Minister Lutz Lienenkämper, der zudem auf ein Bundesprogramm verweist: "69 Millionen Euro werden insbesondere in so genannte Grünbrücken für das Wild investiert", damit sich Tier und Auto gar nicht begegnen.

Technisch ist vieles möglich – neben Warnanlagen etwa Wildschutz- und Duftzäune. Kommt es doch zur Begegnung auf der Straße, zählen schnelle Reaktion und richtiges Fahrverhalten, "denn Tiere lernen keine Verkehrsregeln", sagt DJV-Vizepräsident Wolfgang Bethe. Oft aber werde falsch reagiert, weiß Thomas Eilers, Chef-Fahrtrainer im ADAC-Zentrum.

Sein Rat: "Eine Kollision mit Wildschwein oder Reh ist eine Gefahr, aber ein Aufprall mit Vollbremsung ist besser als ein Ausweichversuch mit unkontrollierten Lenkbewegungen, der im Graben oder im Gegenverkehr endet." Ein anderer Tipp: An Waldrändern, Maisfeldern und ähnlichen Stellen runter vom Gas. "Wer im Dunkeln bei Tempo 60 Wild in 60 Metern Entfernung sieht, kann noch rechtzeitig bremsen, bei Tempo 100 aber nicht mehr", erklärt Bethe.

Quelle: NGZ


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