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Grevenbroich: Ein rheinischer Marco Polo

VON WILJO PIEL - zuletzt aktualisiert: 18.10.2007 - 22:16

Grevenbroich (NGZ). Grevenbroich Lange bevor es Pauschaltourismus und Jetlag gab, bummelte er durch die Welt: Arnold von Harff - Ritter, Dichter, Pilger und vor allem Abenteurer. Der Adlige, der im 16. Jahrhundert vor den Toren Grevenbroichs lebte, besuchte die großen Pilgerstätten der Christenheit. Er war in Rom, Jerusalem und Santiago, reiste aber auch mit Kaufleuten nach Alexandria und Kairo, begegnete dort fremden Kulturen und sonderbaren Tieren, mächtigen Kalifen und schönen Haremsdamen. Harff hielt in Wort und Bild das fest, was er auf seinen Reisen erlebte - und manchmal flunkerte er sogar gewaltig.

Die Professorin in der Harems-Vitrine : Das Lautenspiel beherrscht Gertrude Cepl-Kaufmann zwar nicht. Dafür hat sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Helmut Brach-Tuchel im Museum Villa Erckens eine bemerkenswerte Ausstellung konzipiert.  Foto: NGZ
Die Professorin in der Harems-Vitrine : Das Lautenspiel beherrscht Gertrude Cepl-Kaufmann zwar nicht. Dafür hat sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Helmut Brach-Tuchel im Museum Villa Erckens eine bemerkenswerte Ausstellung konzipiert. Foto: NGZ

Diesem Tausendsassa, der 1505 im Alter von nur 35 Jahren starb, wird ab Sonntag in der Villa Erckens eine eigene Ausstellung gewidmet. Kuratoren sind die Professoren Helmut Brall-Tuchel und Gertrude Cepl-Kaufmann von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Diese Namen klingen nach einer streng wissenschaftlich ausgerichteten und damit staubtrockenen Schau - doch weit gefehlt. Das Duo hat aus Museen und Privatsammlungen hunderte von Ausstellungsstücken aus Orient und Okzident zusammengetragen, um Ritter Arnold und seine Zeit anschaulich und facettenreich darzustellen. Aus gutem Grund: „Wir wollen ein möglichst breites Publikum interessieren“, erklärt Gertrude Cepl-Kaufmann.

In diesem Schrein befindet sich eine Rarität: die Kopfreliquie des französischen Nationalheiligen St. Denis. Foto: NGZ

In den Sälen der ersten Etage kann der Besucher bis zum 20. Januar in die Welt des Mittelalters eintauchen: Er wird die Nachbildung eines Harems sehen, die Arbeit in einem Skriptorium erleben und darf einen Blick in die Reisekiste eines Pilgers werfen. Und er wird einige Höhepunkte zu sehen bekommen: Etwa das Original-Pilgertagebuch des Arnold von Harff mit vielen farbigen Zeichnungen, die Kopf-Reliquie des französischen Nationalheiligen St. Denis oder die Grabstele des mutigen Ritters. Die steht zwar unverrückbar in Lövenich bei Erkelenz, wird aber per Hologramm nach Grevenbroich geholt. „Eine phantastische Sache“, urteilt Helmut Brall-Tuchel.

Der Altgermanist ist Mit-Autor des vor wenigen Wochen erschienenen Buchs „Rom - Jerusalem - Santiago“, in dem Arnolds Pilgerreisen ausführlich geschildert werden. „Harff war so etwas wie ein rheinischer Marco Polo, entdeckungslustig und unerschrocken. In den beiden Jahren, die er unterwegs war, legte er fast 4000 Stunden auf dem Pferd zurück. Er war lebensfroh und an der Welt interessiert - der Ablass seiner Sünden war nur Nebensache seiner Pilgerreisen.“

Was Brall-Tuchel fasziniert, sind die Bilder, die der blaublütige Baedecker-Vorgänger auf seinen Touren zeichnete. Er malte Giraffen, Leoparden, Krokodile und anderes exotisches Getier, bannte streitlustige und heilige Männer aufs Papier. Und offensichtlich war er auch begeistert von der Frauenwelt des Orients: „Den Damen war der Ritter jedenfalls nicht abhold - schließlich hat er auch den einen oder anderen Harem besucht“, meint Brall-Tuchel.

Teile von Arnolds Reiseberichten lesen sich wie ein Krimi - beispielsweise wenn es um seine Gefangennahme im Gaza-Streifen geht oder um die Prügel, die er in Kairo bezog. „Er war ein hervorragender Erzähler“, urteilt der Autor und meint: „Ich bin sicher, dass Karl May von ihm abgeschrieben hat.“ Wie der Schöpfer von Kara Ben Nemsi hat auch Ritter Arnold hin und wieder mal geflunkert. So behauptete er steif und fest, dass er den Kynokephalen, den hundsköpfigen Menschen, begegnet sei und das Königreich Lack besucht habe, dessen Bewohner in Schneckenhäusern leben. „Marco Polo hat davon berichtet. Ich denke, dass Harff mit seinen Schilderungen nur eine Erwartungshaltung seiner Leser erfüllen wollte - ganz unter dem Motto: Klar, das habe ich auch gesehen“, erklärt der Altgermanist.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Programm begleitet. Vortragen werden unter anderem der Kölner Reliquiensammler Dr. Louis Peters („Die Leidenschaft des Rheinländers zu heiligen Knochen), Marie Gräfin von Mirbach-Harff („Jerusalem: Ein mittelalterlicher Lonely-Planet?“) und Dr. Kurt-Peter Gertz („Unterwegs zum Haus des Hl. Jakobus“). Zudem sind ein Festkonzert, ein Kooperations-Projekt mit Schulen, ein Studenten-Kolloquium sowie Sonderführungen für Vereine geplant. Die Ausstellung wird am Sonntag um 11 Uhr eröffnet. Den Festvortrag hält Professor Dr. Folker Reichert aus Stuttgart. Sein Thema: „Arnold von Harff in der Geschichte des Reisen.“

Quelle: NGZ


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