Grevenbroich (NGZ). Gustorf/Malmedy Ein Küsschen auf die rechte, ein anderes auf die linke Wange. Umarmungen, Händeschütteln, Schulterklopfen - freudiges Wiedersehen in der altehrwürdigen Kathedrale von Malmedy. Eine Delegation aus Gustorf und Gindorf hat sich auf den 135 Kilometer langen Weg nach Belgien gemacht, in freundschaftlicher Mission. Denn es gilt einen alten Weggefährten an seinem mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Wirkungsort zu bescheren: Pastor Harrie de Zwart.
Peter Zorn - Veranstaltungstechniker, Gastronom und Krippenbauer in einer Person - hat gemeinsam mit dem Grevenbroicher Restaurator Thomas Geuer den 100 Jahre alten Tabernakel vom Allerseelen-Altar der 1784 geweihten Kathedrale wieder auf Vordermann gebracht und zum guten Schluss auch noch reich mit Blattgold verziert.
„Lange hätte das gute Stück nicht mehr stand gehalten - es war von Feuchtigkeit beschädigt, vom Holzwurm angefressen worden - da war Hilfe dringend notwendig“, schildert Zorn. Zusammen mit Thomas Geuer und dessen Vater Walter investierte er über 300 Arbeitsstunden in die Restaurierung der 1907 angefertigten Schreiner-Arbeit. Den letzten Schliff verlieh ihr Elfriede Joost, die das Innere des Tabernakels mit feiner, in Falten gelegter reiner Seide ausstaffierte. Eine Handarbeit, die sich sehen lassen kann - und die sicherlich einiges kosten dürfte.
Malmedy-Kathedrale
Mit dem Bau der Kathedrale, die ursprünglich eine Abteikirche war, wurde 1775 begonnen. Am 5. September 1784 wurde sie den Heiligen Petrus, Paulus und Quirinus geweiht. Sehenswert sind die Fenster, die infolge der Bombardierung 1944 ersetzt werden mussten. Außerdem beherbergt die Kathedrale den Reliquienschrein des heiligen Quirinus von Malmedy. Der Hochaltar ist auch Marmor und stammt aus dem Jahr 1877.
Doch von Geld spricht niemand in der kalten und nach einem Feuchtigkeitsschaden riechenden Kathedrale. „Warum auch? Der restaurierte Tabernakel ist natürlich ein Weihnachtsgeschenk für unseren alten Pastor. Für einen solchen Freundschaftsdienst würden wir niemals etwas verlangen“, erklärt Peter Zorn. Und er ist nicht der einzige, der den ehemaligen Geistlichen von St. Mariä Himmelfahrt aus einer langjährigen Verbundenheit heraus unterstützt.
„Den Stuhl da“, meint Konrad Sturm, Oberst der Gindorfer Sebastianer, und deutet auf eine prächtige Schnitzarbeit vor dem Hochaltar der Kathedrale: „Den hat unser Kirchenchor erworben, ihn mit rotem Samt auspolstern lassen und unserem alten Pastor zum 75. Geburtstag geschenkt. Harrie soll schließlich in Malmedy sitzen wie ein Bischof“, schmunzelt der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates. Wenn es um „d’r Pastuur“ geht, dann lassen sich die Christen vom Erftdom nicht lumpen: „Er hat sich schließlich verdient um unsere Pfarre gemacht. Für viele ist er nicht nur ein Geistlicher, sondern ein echter Freund.“
Das zeigte sich eindrucksvoll vor nunmehr drei Jahren, als Harrie de Zwart aus Altersgründen seine Pfarre verlassen musste und die Gustorfer, Gindorfer und Laacher auf die Straße zogen, um für den Verbleib des beliebten Pastors zu demonstrieren. Vergeblich. Der in Holland geborene Assumptionisten-Pater, der unlängst sein goldenes Priesterjubiläum feierte, wurde nach Belgien versetzt, ging zurück in seinen Orden. Doch vergessen wurde er in der Himmelfahrts-Pfarre nicht - schließlich hat er dort 29 Jahre gewirkt.
Und so pilgern nach wie vor seine Freunde in die 11 650-Einwohner-Stadt in der Provinz Lüttich und klopfen an der hölzernen Tür des alten Pfarrhauses an der Rue Jules Steinbach an - die Vertrauensfrauen aus Gustorf ebenso wie die Bürgerschützen und die Bruderschaftler, die Chorsänger, die Mitglieder der Frauengemeinschaft oder des Gartenbauvereins - um nur einige zu nennen. „Und bei jedem Wiedersehen ist die Freude groß“, schildert Konrad Sturm und fügt in „Gindorfer Platt“ hinzu: „D’r Pastuur es immer fruh, wenn ene ussem Dörp doh es.“
Harry de Zwart hat sich in den vergangenen drei Jahren in Malmedy eingelebt. Zur Heimat ist ihm das belgische Städtchen jedoch noch nicht geworden: „Heimat, das ist für mich die Gegend, wo die Kraftwerke qualmen. Wenn ich von Belgien komme und die Schwaden sehe, dann weiß ich, dass ich bald zu Hause bin“, erklärt der Pater. Bei jeder Gelegenheit, die sich ergibt, fährt er zurück in Richtung Grevenbroich - etwa wenn die Schützen feiern oder eine Hochzeit ansteht.
Gelegenheiten zu Exkursionen an die Erft ergeben sich jedoch immer seltener. Denn Harrie de Zwart hat an der Kathedrale von Malmedy alle Hände voll zu tun: Er betreut zwei Pfarrgemeinden, drei Altenheime und Kapellen, kümmert sich um Jugendgruppen und Kommunionkinder - alles in allem um gut 12 000 Schäfchen. „Ein Fulltime-Job. Schließlich bin ich hier kein Hilfsgeistlicher, sondern ein Kaplan“, schmunzelt der 77-Jährige, der jedoch nicht den Eindruck erweckt, überarbeitet zu sein. „Wir sind ein gutes Dreiergespann, verstehen uns prächtig und arbeiten hervorragend zusammen“, meint de Zwart und deutet auf seine beiden „Kollegen“, den Dechanten Henri Bastin und den Kaplan Jean Marie Fanssen.
Und die haben sich bereits an die besonderen Vorlieben des Pastors gewöhnt: „Hier kannte man zum Beispiel keinen Weihrauch“, wundert sich Harrie de Zwart, der das duftende Harz gleich an der Kathedrale einführte. Ebenso wie das Tragen von prächtigen Messgewändern: „Auch das war unbekannt, der Werktags-Pastor sah genau so aus wie der Sonntags-Pfarrer.“ Diese „Neuerungen“ kommen bei den Gläubigen an: „Die Leute reagieren sehr positiv“, zeigt sich der Geistliche zufrieden.
Harrie de Zwart hat sich in Malmedy eingelebt, Fuß fassen möchte er dort jedoch nicht - er fühlt sich als Gustorfer in der Ferne und denkt oft an seine Zeit am Erftdom zurück. Und obwohl er gut mit den Leuten aus der Provinz Lüttich auskommt, kennt er zwar Gesichter, doch kaum einen Namen. „In Gustorf war das anders. Da kannte ich sogar die Beinamen - wie den ,Ewige Werkesdaach’ oder aber den ,Häng en d’r Täsch’“, erzählt er mit einem Lächeln.
Denkt er bei so viel Heimatverbundenheit nicht manchmal daran, wieder nach Hause zu kommen? Bei dieser Frage wird der Kaplan von Malmedy ernst. „Ich weiß, dass sich das auch viele Gustorfer wünschen. Doch man sollte sich keine Illusionen machen. Ich komme nicht zurück“, erklärt er - und fügt hinzu: „Nicht als Pastor.“
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