Grevenbroich (NGZ). Noithausen Wenn künftig Inhalte im Internet leichter auffindbar werden, könnte die Welt auf Grevenbroich blicken. Denn die Noithausenerin Sonja Kraus hat neben ihrem Lehramtsstudium zahlreiche Ideen entwickelt, wie Programme und Nutzer Internetseiten verschlagworten könnten, um sie für andere leichter und schneller erreichbar zu machen.
Mit dieser Idee hat sie jetzt den Talentwettbewerb von Theseus - einem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie initiierten Forschungsprogramm, das Wissen im Internet besser verwertbar machen soll - gewonnen. Ihr Preis: 10 000 Euro. Geld, das die junge Studentin, die eine schwere Zeit hinter sich hat, gut gebrauchen kann.
Als vor zwei Jahren Sonja Kraus’ Mutter nach schwerer Krankheit stirbt, bricht für die damals 29 Jahre alte Studentin eine Welt zusammen. Plötzlich steht sie nicht nur ohne ihre engste Bezugsperson da, sondern auch ohne Geld für die Wohnung, den Lebensunterhalt und das Studium. Notgedrungen fängt Sonja Kraus an zu jobben, muss deshalb sogar ihr Studium vernachlässigen. „Es war eine sehr schwere Zeit“, sagt die junge Frau mit zittriger Stimme. Doch die Noithausenerin hat es geschafft: Sie hat zurück ins Leben gefunden - ist wieder eine lebenslustige Frau, die gerne lacht und feiert, die ihr Studium erfolgreich meistert und sich jetzt „irrsinnig“ über den ersten Platz freut.
Theseus
Das Theseus-Forschungsprogramm hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie 2007 gestartet. Zahlreiche Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Universitäten sind an dem Projekt beteiligt. Ziel ist, neue Technologien sowie Erfolg versprechende Geschäftsmodelle für das World Wide Web umzusetzen. Das Programm hat eine Laufzeit von fünf Jahren und wird mit 90 Millionen Euro gefördert.
Denn: Dass sie so weit kommt, hat Sonja Kraus nicht erwartet. Nur zufällig ist sie Anfang des Jahres bei Recherchen für ihre Staatsarbeit auf den Talentwettbewerb von Theseus gestoßen. Das Thema Verschlagwortung von Begriffen im Internet hat die Studentin aber schon lange beschäftigt. „Ich habe mich bereits vor Jahren darüber geärgert, dass man in eine Suchmaschine einen Begriff eingibt und auf Seiten kommt, die gar nichts mit dem Thema zu tun haben“, sagt Sonja Kraus, die übrigens wegen ihres Namens oft Autogramm-Anfragen bekommt. „Es gibt Menschen, die mich für die Moderatorin Sonya Kraus halten, obwohl ihr Name mit einem ,y’ und meiner mit einem ,j’ geschrieben wird“, erklärt sie und schmunzelt.
Ihren Verbesserungsvorschlag mit dem schwierigen Titel „Sematstrategien - semantische Strategien für Tagging in Social Software Applikationen“ hat die 31-Jährige sprichwörtlich zwischen Tür und Angel geschrieben. „Ich musste meine Staatsarbeit beenden, mich auf Klausuren und eine mündliche Prüfung vorbereiten.“
Doch im Hinterkopf hat sie immer wieder verschiedene Strategien zur Verschlagwortung von Begriffen im Internet durchgespielt. Dabei ist ihre Affinität für das Thema eher ungewöhnlich: Denn eigentlich studiert die Noithausenerin Deutsch und Latein auf Lehramt und allgemeine Sprachwissenschaften und sprachliche Informationsverarbeitung als Magister-Nebenfächer.
Und doch: Sonja Kraus hat sich immer schon für das Internet interessiert, hat nebenbei und teilweise im Selbststudium verschiedene Programmiersprachen erlernt. Deshalb sind ihr - trotz Prüfungsstress - genügend Ideen für den Wettbewerb eingefallen, um sich gegen 180 Bewerber aus der ganzen Bundesrepublik durchzusetzen.
Ihr Beitrag: „Wenn ein Nutzer beispielsweise ein Landschaftsfoto ins Internet stellt, könnte ihm das Programm automatisch als Oberbegriff Landschaft vorschlagen, als Unterbegriffe dann Berg, See oder Meer und als Urheber den Namen des Fotografen“, erklärt Kraus. Für themenspezifische Portale hat sie eine Ideenskizze entworfen, wie Programme Urheber erkennen und automatisch verschlagworten könnten.
„Durch die Ideen von Frau Kraus kann die Qualität des semantischen Webs gesteigert werden“, sagt Theseus-Sprecher Christoph Ringwald und erläutert: „Sie verbindet IT-Wissen mit geisteswissenschaftlichen Aspekten, das ist ein Modell das Zukunft hat.“ Kein Wunder, dass die Studentin, die im November ihr Studium abschließt, jetzt schon zahlreiche Job-Angebote bekommt. Außerdem wird bei Theseus überlegt, wie sich die Ideen der Grevenbroicherin praktisch umsetzen lassen.
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