Grevenbroich (NGZ). Grevenbroich Ausweichen macht keinen Sinn mehr, mit Tempo 60 kracht das Auto auf das Hindernis, der 90 Kilogramm schwere Damhirsch fliegt durch die Luft, bleibt regungslos liegen. Die Motorhaube ist total verformt, Öl tropft, das Geweih hat die Windschutzscheibe zerschlagen.
Wildunfälle in NRW
Zwischen April 2006 und März 2007 kam es in Nordrhein-Westfalen 28 480 Mal zu Zusammenstößen von Reh und Auto, 1340 Mal liefen Wildschweine, 180 Mal Rotwild vor ein Fahrzeug. Zum Glück starb 2006 bei Wildunfällen kein Mensch, doch 58 wurden schwer, 214 leicht verletzt.
Zum Glück war der Unfall nur gestelt, der Hirsch aus Kunststoffschaum statt aus Fleisch und Blut. Eindrucksvoll demonstrierte der ADAC gestern auf der Testtrecke im Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich, welche Folgen ein Unfall mit Hirsch, Bock oder Keiler hat. Bis heute diskutieren rund 100 Experten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Schweden und Großbritannien - Vertreter aus Behörden, Verbänden, Politik und Verkehrstechnik -, wie sich Wildunfälle vermeiden lassen. Veranstalter sind der ADAC, der Deutsche Jagdschutz-Verband und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat.
Die internationale Tagung ist ein Novum: „Es hat immer wieder Modellversuche zur Wildunfall-Reduzierung gegeben, sie waren jedoch häufig regional begrenzt“, erklärte ADAC-Präsident Peter Meyer. Das vorhandene Fachwissen müsse gebündelt werden. Die Notwendigkeit dafür offenbart ein Blick in die Unfallstatistik. Zwischen April 2006 und März 2007 wurden bundesweit 221 000 Unfälle mit Reh- und Rotwild sowie Wildschweinen registriert - die Dunkelziffer ist hoch.
2800 Menschen wurden bei Wildunfällen verletzt, etwa ein Dutzend starb. Der von Versicherungen zu regulierende Schaden belief sich auf über eine halbe Milliarde Euro. „Der Deutsche Jagdschutz-Verband fordert, die Zahl der Wildunfälle jährlich um fünf Prozent zu reduzieren“, erklärt Jagdschutz-Verband-Präsident Jochen Borchert.
Deutlich wurde bei der Tagung, dass es keinen Königsweg gibt, dass die Lösung in einem ganzen Bündel von Maßnahmen liegt. Technische Neuerungen im Auto und am Straßenrand müssen mit der Schulung und Aufklärung des Autofahrers einhergehen. „Im Reichswald südlich von Kleve haben wir eine Frühwarnanlage für Autofahrer installiert“, erläutert Oliver Wittke, Landesverkehrsminister und „passionierter Jäger“.
Zäune leiten die Tiere zu Querungsstellen. Wenn dort aufgestellte Bewegungsmelder Tiere registrieren, wird auf LED-Anzeigen an der Straße auf den möglichen Wildwechsel hingewiesen, die zulässige Geschwindigkeit reduziert. 180 000 Euro haben Nordrhein-Westfalen, die Provinz Limburg und die Euregio in die Technik investiert. Bei einem ähnlichen System in Sachsen-Anhalt spricht Uwe Hahner von der Verkehrsleittechnik-Firma Dambach von einem Rückgang der Wildunfälle um rund 98 Prozent.
Duftzäune, die Tiere mit Hilfe von Wolf- oder Menschengeruch von der Straße abhalten, Wildbrücken über Straßen und Reflektoren sind weitere Möglichkeiten, Wild und Mensch zu schützen. „In Bayern sammeln wir Daten, um Wildwechsel-Stellen in Navigationssysteme einzuspeisen. Wenn Autofahrer flächendeckend auf diese Weise gewarnt werden, sind wir einen Schritt weiter“, sagt ADAC-Präsident Meyer.
Bei aller Technik: Läuft ein Bock oder eine Bache vors Blech, sind Reaktionsvermögen und Besonnenheit gefragt. „Viele Fahrer reagieren falsch, bringen sich durch hektische Ausweichmanöver in Gefahr“, sagt Thomas Eilers, Chef-Fahrttrainer im ADAC-Zentrum. „Ausweichen sollte man nur, wenn die Straße breit ist, ansonsten sollten Autofahrer das Lenkrad festhalten und eine Vollbremsung machen.“
Auch das will geübt sein, deshalb rät der ADAC zur Teilnahme an Fahrsicherheitstrainings. Eilers: „Auch routinierte Fahrer, die das erste Mal zu uns kommen, nutzen die Bremsleistung nur zu 80 Prozent, weil sie Scheu haben, nicht wissen, wie ihr Auto reagiert.“
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