Wenn Jürgen Hönig aus seinem Wohnzimmerfenster am Burghof sieht, fällt sein Blick auf eine Mobilfunk-Sendeanlage, die in unmittelbarer Nähe seines Balkons gebaut wird. Auf dem Dach des Feuerwehr-Gerätehauses an der Stadionstraße ragt seit kurzem ein Antennenmast in den Himmel. Und den betrachtet der 38-Jährige mit gemischten Gefühlen. Er macht sich Sorgen um die Gesundheit seiner Familie - so, wie auch andere Kapellener, die in der Nähe der "Wache" leben. Jürgen Hönig (38) befürchtet Gesundheitsschäden durch die Mobilfunk-Sendeanlage auf dem Steigerturm des Kapellener Feuerwehrgerätehauses. Seine Furcht wird von vielen Nachbarn geteilt. NGZ-Fotos: M. Reuter
Hönig hat daher bereits einen Anwalt eingeschaltet, der beim Landgericht eine einstweilige Verfügung auf sofortige Abschaltung der Anlage erreichen will. In Deutschland gibt es zurzeit rund 40.000 dieser Sender. Damit bald jeder Bürger mit einem Handy an jedem Ohr in allen Winkeln der Bundesrepublik erreichbar ist, sollen nochmals 40.000 bis 60.000 in den nächsten fünf bis zehn Jahren folgen. Grund für die vielen weiteren schmalen, grauen Kästen, die auf Häusern und Schornsteinen oder auch an Masten befestigt sind, ist die steigende Zahl der Mobil-Telefonierer und die stärkere Nutzung der Netze.
Zwar besteht schon seit langem der Verdacht, dass die Mobilfunk-Strahlen die Hirnströme verändern, das Krebsrisiko erhöhen, das Immunsystem schwächen oder Schlafstörungen verursachen. Doch dass die Sendeanlagen tatsächlich gesundheitsschädlich sind, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Welche Spuren ein naher Sendemast jedoch hinterlässt, zeigen die Messungen des Neusser Baubiologen Wolfgang Maes. Er stellte unlängst für ein Einfamilienhaus in Kaarst, 250 Meter von einer Mobilfunk-Sendeanlage entfernt, einen Strahlungswert von 4.000 Mikrowatt pro Quadratmeter fest - laut der Bundesimissionsschutz-Verordnung gilt jede Belastung über 100 Mikrowatt als hoch.
Demgegenüber steht eine "vorsichtige Entwarnung in Sachen Elektrosmog", die Professor Heyo Eckel von der Ärztekammer in der vergangenen Woche gab. "Nach den jetzigen Grenzwerten scheint keine Gefahr zu bestehen", meint er. Wenn die Energiedichte aufgrund zahlreicher neuer Sendeanlagen allerdings höher werde, "müssen die Grenzwerte im Sinne einer Absenkung neu diskutiert werden". Der Mediziner schließt nicht aus, dass "elektrosensible Menschen" sich von Strahlungen behelligt fühlten - möglich seien Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder aber Veränderungen des Blutdrucks. Macht Mobilfunk krank? Nichts genaues weiß man nicht.
Diese Ungewissheit aber zerrt an den Nerven von Jürgen Hönig. Zumal er sich von der Stadt Grevenbroich im Stich gelassen fühlt: "Ich habe im März in der NGZ gelesen, dass ein Sendemast auf dem Feuerwehr-Gerätehaus gebaut werden soll - nur wenige Tage später rückte ein 50-Tonnen-Kran an und setzte die Antenne aufs Dach", meint der 38 Jahre alte Maurermeister und kritisiert: "Es wäre schon korrekt gewesen, wenn der Bürgermeister sich vorher einmal mit den Anliegern auseinander gesetzt hätte." In seiner Nachbarschaft rumore es: "Viele sind erschrocken. Wir haben Angst vor möglichen Gesundheitsschäden, zumal auch Kindergarten und Schule ganz in der Nähe sind."
Aus diesem Grund hat er Initiative ergriffen und den Rechtsanwalt Jürgen Ronimi aus Oberursel in Sachen Mobilfunk-Antenne beauftragt. Ronimi ist kein Unbekannter in der Szene: Gemeinsam mit seinem Frankfurter Partner Stephan Otto hat er einige Musterprozesse gegen die Telekom bereits erfolgreich bestritten. Der Anwalt forderte den Betreiber der Mobilfunk-Feststation, die Vodafone Mannesmann AG, auf, die Anlage spätestens bis zum 30. April abzuschalten. Sollte dies nicht geschehen, "werden wir beim Landgericht eine einstweilige Verfügung auf sofortige Abschaltung sowie eine entsprechende Unterlassungsklage einreichen", so Jürgen Ronimi. Der Anwalt begründet seine Forderung mit der athermischen Strahlung, die von der Station ausgehe und die zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen könnte.
"Zumindest besteht die berechtigte Befürchtung, dass zwischen dieser Strahlung und den von zahlreichen seriösen Wissenschaftlern aufgezeigten Krankheitsbilder bei Mensch und Tier ein Kausalzusammenhang besteht", meint Ronimi. Dies genüge für eine einstweilige Verfügung und eine vorbeugende Unterlassungsklage. Grünes Licht für den Antennenbau in Kapellen hatte im März der Feuerschutz-Ausschuss gegeben. "Die Stadt hat daraufhin das Dach und einen Raum an die Firma Mannesmann vermietet", erklärt Rathaus-Sprecher Roland Knapp. Jährlich bringt das etwa 11.500 Mark in die Stadtkasse.
Bauordnungsrechtlich sei gegen die Anlage nichts einzuwenden, wenn die Antenne die zulässige Höhe von zehn Metern nicht überschreite. "Wir werden die Höhe aber noch einmal nach Fertigstellung überprüfen lassen, auch die statischen Auswirkungen der Anlage auf das Gebäude werden bei dieser Gelegenheit gecheckt", so Knapp weiter. Mannesmann selbst müsse den Betrieb der Antenne dann bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) noch einmal gesondert genehmigen lassen. Roland Knapp möchte aber zur Beruhigung der Anlieger beitragen: "Nach derzeitigen Erkenntnissen, scheinen solche Anlagen nicht gefährlich zu sein. Wir gehen davon aus, dass sie nicht gesundheitsschädlich sind." Für Jürgen Hönig ist das kein Trost: "Die Stadt setzt für 11.500 Mark Miete im Jahr die Gesundheit ihrer Bürger aufs Spiel. Das ist schon ein starkes Stück." wilp
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