Grevenbroich (NGZ). Neurath Nein, mit dem Rentierschlitten kam er nicht. Der Weihnachtsmann bevorzugte einen Lastenaufzug, der ihn zwar langsam, aber bequem an der Betonwand entlang nach oben brachte. Oben, das ist diesem Fall der höchste Punkt des mittlerweile auf 135 Meter angewachsenen Kühlturms „Friedrich“ auf der Neurather BoA-Baustelle. 50 Mitarbeiter sind dort seit Monaten damit beschäftigt, das gigantische Bauwerk täglich um 1,20 Meter wachsen zu lassen. Sie alle wurden am Dienstag vom Weihnachtsmann mit einer Tüte Süßigkeiten beschert. Und da strahlte selbst kindlicher Glanz in den Augen von Polier Roland Albert (56): „Das ist aber mal ’ne tolle Überraschung.“
Der Besuch des rotgewandeten Bartträgers war für die Kühlturmbauer so etwas wie ein kleines Dankeschön für die bisher geleistete Arbeit, die sichtbar zügig voran schreitet: „Wir liegen voll im Zeitplan“, meint Leiter Manfred Hensel und lässt seinen Blick aus luftiger Höhe über Deutschlands größte Baustelle schweifen. Noch vor dem Jahreswechsel soll „Friedrich“ seine endgültige Höhe von 172 Metern erreicht haben, sein Zwilling mit Namen „Gustav“ wird voraussichtlich im März so weit sein.
„Allerdings nur dann, wenn auch das Wetter mitspielt“, gibt Hensel zu bedenken. Denn für den Kühlturmbau wird eine säurefeste Spezial-Betonmischung verwendet, die nicht bei jeder Witterung zum Einsatz gelangen kann: „Sie lässt sich nur bei Plus-Temperaturen zwischen fünf und 30 Grad verarbeiten. Kommt da der Frost, müssen die Arbeiten wohl oder übel eingestellt werden.“ Ähnlich wie im vergangenen Sommer, als die Temperaturen über die 30-Grad-Marke kletterten.
In 2010 ans Netz
Die beiden Braunkohlenblöcke mit optimierter Anlagentechnik (kurz: BoA) werden im Frühjahr 2010 ans Netz gehen. Markantes Zeichen des neuen Kraftewerks sind die beiden Kühltürme „Friedrich“ und „Gustav“, in deren Bau RWE Power alleine rund 26 Millionen Euro investiert. Der gesamte Kraftwerksbau verschlingt 2,2 Milliarden Euro.
Bei Wind und Wetter - am Dienstag wirbelten Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern um den Turm - wird auf „Friedrich“ gearbeitet, täglich zehn Stunden lang. Rund um den Rohbau sind Gerüste mit einer Gesamtlänge von anderthalb Kilometern gespannt, dort wird der Beton von speziell geschulten Mitarbeitern in Formen gegossen.
Wächst der Kühlturm, rücken die einzelnen Gerüste per Hydraulik nach, buchstäblich per Knopfdruck. Trotz ständiger Frischluftzufuhr riecht es in 135 Metern Höhe deutlich nach Hydrauliköl - und der schmierige Stoff hinterlässt seine Spuren auf Bohlen und Gerüststangen. Da hieß es Obacht geben für den Weihnachtsmann, in dessen Rolle Heinz-Wilhelm Becker (53) vom Grevenbroicher Höhenrettungstrupp geschlüpft war: „Mach’ Dir mal ja nicht den weißen Bart dreckig“, so der gut gemeinte Rat von Polier Albert.
Zurzeit sind 540 Menschen auf der BoA-Baustelle beschäftigt, in Spitzenzeiten - beim Anlagenbau - werden es bis zu 4000 gleichzeitig sein. Damit dürfte der Weihnachtsmann im nächsten Jahr deutlich mehr Arbeit haben als in diesem Advent. Heinz-Wilhelm Becker zog es nach der Bescherung denn auch vor, wieder den bequemen Abstieg zu wählen - per Lastenaufzug. Den Kamin herunterrutschen, so wie es sein großes amerikanisches Vorbild am Heiligen Abend zu tun pflegt, darauf verzichtete der 53-Jährige gern.
Am Mittwoch in der NGZ: Porträt Heinz-Wilhelm Becker
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