Eine gute Zeit. Als freiwilliger Helfer bei der Leichtathletik-WM
„Have a good time!“ – so lautete das Motto der Leichtathletik-WM in Berlin. Das galt Athleten und Fans, ganz besonders aber den 3000 Volunteers.
Als ehemaliger Leichtathlet war es für mich keine Frage, ob ich den Organisatoren zur Verfügung stellen will, um mitzuhelfen, dass die besten Läufer, Springer und Werfer der Welt in Berlin eine gute Zeit haben. Als die ersten Aufrufe zu lesen waren, meldete ich mich sogleich an. Der fast einjährige Vorlauf mit Bewerbung, Vorstellung und Schulungen steigerte die Vorfreude auf die größte Sportveranstaltung des Jahres 2009. Am 10. August begann mein Einsatz im Athletenhotel „Estrel“, er führte mich zu den Wettkämpfen im Olympiastadion und endete gestern Abend auf der großen Abschlussparty in der „Arena“ Treptow. Als freiwilliger Helfer („Volunteer“) bei der Leichtathletik-WM in Berlin dabei gewesen zu sein, bedeutet für mich, in der nächsten Zeit zwei sehr erlebnisreiche und schlafarme Wochen zu verarbeiten.
Was bleibt haften? Zunächst: Es war eine aufregende und schöne Zeit, die gleich ganz schön aufregend begann: Bei meinen Mannschaften waren überdurchschnittlich viele Koffer nicht angekommen. Glücklicherweise traf das Gepäck am nächsten Tag ein. Doch wer gleich am ersten Abend etwas vor hat, für den ist das genau ein Tag zu spät. So musste für eine Delegierte rasch ein passendes Outfit für das Begrüßungsessen des Weltverbandes IAAF organisiert werden. Dann: Es war eine anstrengende Zeit. Zumindest für mich. Meine zumeist jüngeren Kolleginnen und Kollegen steckten die kurzen Nächte weitaus besser weg als ich. Zudem hatte ich mich um vier lateinamerikanische Mannschaften zu kümmern, die durchweg etwas chaotisch aufgestellt waren. Kleine Teams, große Probleme. Dass ich dennoch diese Arbeit – es war Arbeit! – gerne ehrenamtlich gemacht habe, liegt weniger an der Ehre des Amtes, sondern vielmehr am immateriellen Mehrwert meiner Tätigkeit: Als Mannschaftsbetreuer („Team-Attaché“) bekommt man einen sehr guten Einblick hinter die Kulissen.
Hinter den Kulissen einer Leichtathletik-Weltmeisterschaft – das bedeutet Call-Room, Warm-Up-Area, Athleten-Lounge, Oasis of Silence und Competition Information Desk. Hinter den Kulissen spricht man Englisch. Es bedeutet auch, den Stars der Szene im Aufzug oder in der Lobby zu begegnen, beim Essen oder beim „Wii“-Spielen. Es sind die Begegnungen mit den Sportlern, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt, die das Erlebnis „Volunteer“ zu einem unvergesslichen werden lassen. Besonders eindrücklich sind mir die Besinnungsstunden im „Raum der Stille“ in Erinnerung, in denen die Athleten Kraft und Energie tanken, für den Sieg danken oder auch Trost in der Niederlage erfahren konnten, mit der Begleitung sporterfahrener Geistlicher wie Olympiapfarrer Hans-Gerd Schütt, Sportbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, oder Madeline Manning Mims, 800m-Olympiasiegerin von 1968 und Pastorin des Teams USA.
Im Hotel gehen immer wieder Kapitel des „Who-is-who“ der Leichtathletik an einem vorbei. Anfangs nickt man scheu, nach zwei Wochen klatscht man sich ab. Es gibt wohl kaum ein entspannteres Völkchen als die Leichtathleten. Fast immer ein Lächeln, fast immer ein flotter Spruch. Und wenn es mal nicht so ist, hat es seine Gründe. So traf ich einen sehr melancholischen Tyson Gay bei der Abreise. Es war nicht seine WM, soviel steht fest. Andere feierten, zeigten stolz ihre Medaillen. Geher, Hammerwerfer, Langstreckenläufer und Dreispringerinnen, deren Namen nur Experten geläufig sind und deren Gesichter man schon wieder vergessen hat.
Nicht vergessen wird man die Höhepunkte der WM. Aus Sicht eines Mannschaftsbetreuers war sicherlich der Eröffnungsabend am Brandenburger Tor ein solcher. „Meine“ Athleten ließen sich mit jedem der anwesenden Promis ablichten, einige Delegationen nutzten die Chance für ein Mannschaftsfoto vor historischer Kulisse. Der Zeitplan geriet etwas außer Kontrolle, gestört hat es keinen. Und natürlich der gestrige Abschluss: Erst Party im Stadion, dann in der „Arena“. Hier brachen dann endgültig alle Dämme. Der Saisonhöhepunkt ist vorbei, es darf gefeiert werden. Wer laufen, springen und werfen kann, der kann auch tanzen. Und trinken. Der Rest ist Schweigen.
Was bleibt noch? Eine Menge Erfahrungen. Gib nie einem Stabhochspringer die Hand, sei immer vor den Kugelstoßern am Frühstücksbüfett und sprich nicht in Gegenwart der US-Boys über Jamaika-Koalitionen. In diesem Sinne: Viel Spaß allen „Volunteers“ in Daegu, wo im Spätsommer 2011 die nächste Auflage der Leichtathletik-Weltmeisterschaft stattfindet! Doch bis dahin ist es noch eine Weile. Ich geh jetzt erstmal schlafen.