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Kaarst: Büttgen – "kaputt saniert"

VON ANDREAS GRÖHBÜHL - zuletzt aktualisiert: 12.03.2010 - 21:46

Kaarst (NGZ). In den 60er und 70er Jahren wurden weite Teile des Büttgener Ortskerns dem Erdboden gleich gemacht. Statt alter Bauernhöfe bestimmen nun Flachbauten das Erscheinungsbild. Der Heimatbund erinnert heute an die Sanierung.

Die Novesiastraße wie sie sich heute darstellt: Kastenartige Gebäude säumen die Straße.  Foto:  L. Berns
Die Novesiastraße wie sie sich heute darstellt: Kastenartige Gebäude säumen die Straße. Foto: L. Berns

Wenn Reinhold Mohr die alte Postkarte der Neusser Straße sieht, mit all den Bauernhöfen entlang der Straße, dann könnte er nostalgisch werden. "Solche Gebäude hätte man eigentlich nicht abreißen dürfen", sagt der Vizepräsident des Kreisheimatbundes. In der Pampusschule wird er am Samstag darüber referieren, wie Büttgen "kaputt saniert" wurde. Und wie das die Entwicklung Büttgens erst möglich gemacht hat.

Damals waren viele für den Abriss

In zwei Bauabschnitten wurde in den 60er und 70er Jahren fast der komplette Büttgener Ortskern dem Erdboden gleichgemacht. Die Kirche blieb stehen, sonst wenig. Dort, wo einst zum Teil mehr als 100 Jahre alte Häuser standen, setzte man kantige, recht charmlose Flachbauten hin. Dort, wo einst die Bahnstraße nach Vorst und Holzbüttgen führte, steht heute das Rathaus – "funktionell super, aber ästhetisch null", sagt Reinhold Mohr. Heute ärgerten sich noch viele ältere Büttgener über die Sanierung, sagt er. "Und das, obwohl sie damals dafür waren."

Info

Mohrs Vortrag

Grundlage In seinem Referat stützt sich Reinhold Mohr im Wesentlichen auf zwei Publikationen von Max Mauritz, der an der Flurbereinigung und während der Sanierung in Kaarst wohnte.

Termin Mohrs Vortrag ist Teil des Symposiums "Stadtplanung und Dorfentwicklung", das der Kreisheimatbund Neuss am Samstag in der Pampusschule ausrichtet. Beginn ist um 10 Uhr. Nach demMittagessen besichtigt Mohr mit Interessierten das Ortszentrum.

Denn mehrere Dinge hatten die Sanierung notwendig gemacht. Erstens wollten die Bauern nach der Flurbereinigung in den 60er Jahren, bei der der zersplitterte Ackerbesitz zu größeren rentablen Flächen zusammengefügt worden war, auf größere Anwesen vor die Stadt ziehen. Die Bauernhöfe im Stadtkern hätten leergestanden; die Politik wollte das drohende Vakuum füllen.

Zweitens zwängte sich der gesamte Verkehr, Autos wie Lastwagen durch die kleinen Straßen Büttgens – gerade einmal sechs Meter maß die Bahnstraße. Mancher Laster hatte da schon Probleme, abzubiegen,. Der Verkehr geriet für Büttgen zur Überforderung. Der dritte Grund: Die Sanierung entsprach dem Zeitgeist. "Alles musste moderner werden", berichtet der 56-jährige Lehrer. Büttgen bekam eine Schwimmhalle, ein Radsportzentrum und vor allem: ein Platz, an dem sich viele Geschäfte ansiedeln konnten.

Reinhold Mohr vor dem Rathaus. Foto: NGZ

Das war der Impuls, der Büttgen größer werden ließ. "Ansonsten wären niemals so viele Menschen hierher gezogen", sagt Reinhold Mohr. 1925 lebten 1543 Einwohner im Kernort Büttgen, Mitte der 70er waren es bereits etwa 5000, heute liegt die Zahl bei 6500. Im 19. Jahrhundert war es noch die Deutsche Bahn gewesen, die viele neue Straßenzüge in dem Ort geschaffen hatte, weil ihre Arbeiter in Büttgen siedelten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Flüchtlinge gekommen. Mitte der 70er sorgten die Stadtoberen mit der oft verhassten Sanierung dafür, dass sich Büttgen entwickeln konnte – indem sie den Ort vielleicht ein großes Stück Schönheit nahmen, dafür aber bereit für die Zukunft machten.

Quelle: NGZ


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