Kaarst (NGZ). Ganz Deutschland redet über Thilo Sarrazin und seine Thesen zur Migrationspolitik. Olga Gauk kam vor zwölf Jahren nach Deutschland. Die gebürtige Russin und alleinerziehende Mutter sagt, was sie von der Debatte hält.
Wenn die gebürtige Russin Olga Gauk von ihrem Leben erzählt, spricht eine zielstrebige und aufgeschlossene Frau. Gauk ist stolz auf das, was sie erreicht hat, wirkt dabei aber nicht überheblich, eher zurückhaltend. Zwölf Jahre ist es her, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus Russlands drittgrößter Stadt Nowosibirsk nach Deutschland zog. Ihre Familie hat deutsche Wurzeln, in Russland wurde allerdings nur russisch gesprochen. Nur in der Schule lernte sie einmal pro Woche einige Grundregeln. Heute arbeitet die alleinerziehende Mutter eines neunjährigen Sohnes erfolgreich in einer Kaarster Steuerkanzlei.
Fachabi und Studium
Der Entschluss, nach Deutschland zu ziehen, fiel, nachdem Gauks Vater verstarb. Die damals 17-jährige Olga Gauk half engagiert bei den Planungen mit, verkaufte das Haus und andere Wertgegenstände der Familie. In Deutschland verfolgte die Russin ihre beruflichen Ziele zielstrebig. Zunächst besuchte sie eine Realschule, machte dann ihr Fachabitur. Anschließend begann sie ihre Ausbildung zur Industriekauffrau und absolvierte ein Studium der Steuer- und Wirtschaftsprüfung.
Migranten in Kaarst
2751 Ausländer leben derzeit in Kaarst – 1305 Männer und Jungen sowie 1446 Frauen und Mädchen.
Insgesamt machen Migranten rund sieben Prozent der Gesamtbevölkerungszahl in Kaarst aus.
Für Einwanderer, die den letzten Schritt zur Einbürgerung vornehmen wollen, finden regelmäßig Einbürgerungstests in der VHS statt.
Von Mai 2009 bis April 2010 wurden 54 Ausländer eingebürgert und erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit.
Integrationsprobleme hatte Gauk während ihrer beruflichen Laufbahn nicht: "Ich arbeite mit aufgeschlossenen Kollegen zusammen, mein fachliches Wissen ist immer anerkannt worden." Ihr Sohn Dominik besucht eine deutsche Grundschule und wird nachmittags von seiner Großmutter betreut. "Am Wochenende besucht er ein russisches Kulturzentrum", sagt die Mutter. "Es ist wichtig für ihn, auch seine russische Kultur aufrechterhalten zu können."
Selbstverständlich beschäftigt die berufstätige Mutter auch die momentane Debatte um die Migrationspolitik in Deutschland, die durch die Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" erneut ausgelöst wurde: "Sarrazin behandelt die Thematik pauschalisierend, setzt falsche Thesen in die Welt." Die 29-Jährige ist davon überzeugt, dass der Großteil der Migranten einen positiven Beitrag zur Gesellschaft beisteuern möchte und das mit der nötigen Unterstützung und Offenheit der Deutschen auch schaffen könne.
Den Bau von Moscheen hält sie für eine sinnvolle Maßnahme, die die Akzeptanz der Deutschen gegenüber Migranten zeige. Gauk schlägt auch ein größeres Kursangebot in Deutschland vor, ein Einbürgerungstest, wie die VHS Kaarst/Korschenbroich ihn anbietet, bringt ihrer Meinung nach dagegen wenig.
In diesem Jahr gewann sie den Förderpreis des internationalen "ZONTA"-Clubs. Das Preisgeld von 1500 Euro möchte sie für ihre berufliche Karriere nutzen: "Ich habe mich sehr über die Auszeichnung gefreut und werde das Geld in den Vorbereitungskursus zur Steuerberaterin investieren, den ich im nächsten Jahr beginne. Als Fördergeld ist der Preis also gut angelegt", sagt die junge Berufstätige zufrieden. Auch sie möchte dem "ZONTA"-Club zur Förderung berufstätiger Frauen beitreten.
Für ihre Zukunft hält sich die ambitionierte Olga Gauk alle Wege offen, schließt einen Umzug und weitere Fortbildungen nicht aus: "Man weiß nie, was die Zukunft noch so bringt", sagt sie.
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