Depeche Mode brillieren in Oberhausen: Der Schmerzensmann des Pop
(RPO) Depeche Mode gab in Oberhausen ein Konzert vor 12.000 Zuschauern. Der Auftritt lebte von der Energie und vom Charisma des Sängers Dave Gahan. Er macht diese Band zu einem der größten Live-Erlebnisse unserer Zeit.
Als das Lied beginnt, schreien sie wieder, sie schreien jedes Mal, wenn sie ein Lied erkennen, und sie erkennen alle Lieder an den ersten Takten. Bei diesem Lied ist das Schreien noch lauter, er hört das, der Schmerzensmann des Pop, er trägt eine Lederweste auf der Haut, die Haut, unter die er dunkle Tinte hat stechen lassen, in Form eines Kreuzes. Er steht vor ihnen, auf einem Steg ist er ganz weit auf sie zu geschritten, auf 12.000 Menschen zu, die dieses Lied singen und fast beim ersten Refrain angekommen sind.
Die Musik grollt und tobt, es ist laut hier, der Song kommt live wütender als auf CD, die Felle des Schlagzeugs beben unter der Pein. Er breitet die Arme aus, er drückt den Rücken durch, er steht auf den Zehenspitzen, schaut zum Himmel, mit schwarz geschminkten Augen, dann geht das Licht aus. Als es wieder angeht, haben sie die Arme gehoben, alle, sie singen den Refrain, „Words are very unnecessary”, seinen Text, und er beugt sich vor, Dave Gahan, er nimmt das Lied entgegen, „Enjoy The Silence”, er trinkt es, es sind seine Fans, die Fans von Depeche Mode.
Depeche Mode spielt am 26. und 27. Februar 2010 in der Esprit-Arena in Düsseldorf. Die Konzerte hatten wegen der Erkrankung Dave Gahans nicht wie geplant im Juni 2009 stattfinden können. Karten gibt es unter rp-ticket.de.
Das Pathos packt einen noch immer
Das britische Trio gibt im 30. Jahr des Bestehens in der ausverkauften Arena in Oberhausen ein Konzert größtenteils vor Menschen der Jahrgänge 1964 bis ‘74, und es verdeutlicht, dass das die vielleicht beste Live-Band unserer Tage ist. Man kann von einem solchen Auftritt nicht mehr verlangen: Da ist das Pathos, das Pop zu einer so unglaublich emotionalen Angelegenheit macht, das dich auf den Rängen seufzen lässt vor wohligem Weiß-nicht-wohin-mit-mir. Da sind die Melodien und Texte, die man kennt, rauf und runter, und die noch immer packen mit ihrer Düsternis und Bedeutungsschwere.
Und vor allem ist da neben Gitarrist und Programmierer Martin Gore und dem Frickler Andrew Fletcher diese charismatische Sänger-Persönlichkeit: Dave Gahan, der dem Leibhaftigen einst nach zweiminütigem Herzstillstand von der Schippe sprang und der nach Beginn der aktuellen Welt-Tournee wegen eines Blasentumors aussetzen musste.
Eine kluge Regie
Er ist wieder da und kann es nicht abwarten, bis er dran ist. Er rennt herum, als hätten sie ihn eben hinter der Bühne an ein Kraftwerk angeschlossen, gleich spuckt er Flammen. Bei „Never Let Me Down Again” hat er seinen Einsatz nach einem etwa einminütigen Intro, aber das ist für ihn Knebelfolter, das ist zu lang. Er packt den Ständer des Mikrofons ganz unten und ganz oben an, reißt ihn über den Kopf, dreht sich, bringt das Ding zurück, drückt die Hände an den Hinterkopf, rennt fort und wieder zurück und dann, endlich, beginnt er: „I‘m taking a ride with my best friend.”
Die Band hat das Programm gescheit aus dem überbordenden Song-Material zusammengestellt. Höhepunkte sind „Policy Of Truth”, „I Feel You”, „Behind The Wheel”, „Stripped” und das Lied, dessen Titel in vier Minuten 61 Mal wiederholt wird und zu dem sich Gahan aufführt, als sei er der Heilige Sebastian, und die Wörter sind die Pfeile, die seinen Leib durchbohren: „Wrong”.
Spannungsfeld Gahan - Gore
Depeche Mode lässt sich von Schlagzeuger und Elektroniker verstärken. Über eine Videowand laufen Clips von Anton Corbijn, sehr schön der Film mit dem Raben bei „Walking In My Shoes”. Das alles wäre schon mehr als genug, aber sie gönnen auch noch Gahans Erzfeind und kongenialem Partner seinen Auftritt. Die ungeheuere Spannung, die von dieser Band ausgeht, ergibt sich ja aus dem Verhältnis von Dave Gahan und eben Martin Gore, dem Zwist zwischen Irrlicht und Intellektuellem.
Im Mittelteil hatte Gore die Stücke „Free Love” und „Home” zum Piano vorgetragen, während Gahan rübergegangen war ins Fegefeuer, um Kraft zu tanken. Und zur Eröffnung des Zugabenblocks steht Gore wieder da, ein verlotterter Engel mit blonden Locken, er stellt sich in silberner Röhrenhose und weißen Doc Martens vors Mikrofon und beginnt mit süßer und doch abgründiger Stimme eines der verzweifeltsten und schönsten Stücke des Repertoires, „Somebody” von 1984.
Das ist der dunkle Thron des Pop.
Danke, für diesen grandiosen Artikel über eine grandiose Band!






























