Knapp zwanzig Minuten war der TSV Dormagen bei seinem Gastspiel in Lübbecke ein gleichwertiger Gegner. Dann machte sich auf dem Spielfeld breit, was rund um den Höhenberg seit Wochen herrscht: höchste Verunsicherung.
Nils Meyer ist einer der erfahrensten Spieler, die der TSV Dormagen in seiner zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg ins Rennen um den Klassenerhalt schickt. Seit sieben Jahren trägt der frühere Nordhorner den Dormagener Dress, so lange wie kein anderer im 18-köpfigen Kader. Übernächsten Monat wird er dreißig, ist zusammen mit Spyros Balomenos der Feldspieler mit der größten Lebenserfahrung – nur Torhüter Vitali Feshchanka (35) hat mehr Jahre auf dem Buckel.
32 Minuten waren gespielt am Samstagabend in der Merkur-Arena, da tat Nils Meyer etwas, was Handballer gemeinhin nicht tun: Er ließ den Ball fallen. Einfach so, unbedrängt von den gegnerischen Abwehrrecken, die ein paar Meter weiter auf die Dormagener Angreifer warteten, die zu diesem Zeitpunkt einen Spieler mehr aus dem Parkett hatten. Thorir Olafsson, der pfeilschnelle isländische Rechtsaußen des TuS N-Lübbecke, der Mann mit dem vielleicht besten Gegenstoß der Liga, schnappte sich das Spielgerät und hämmerte es ungerührt zum 18:12 in die Maschen. Statt in Überzahl auf 13:17 zu verkürzen, die Partie, in der sie 20 Minuten ein gleichwertiger Gegner waren, wieder zum offenen Schlagabtausch zu machen, brachten sich die Gäste endgültig auf die Verliererstraße.
Auf die Zähne beißen
An mangelnder Einstellung lag es nicht, dass der TSV Dormagen in Nettelstedt unter die Räder kam: Sowohl Christoph Schindler als auch Spyros Balomenos liefen trotz ihrer Blessuren an Schulter und Ellbogen auf. Schindler war mit sieben Toren sogar bester Feldspieler auf Seiten der Gäste und damit effektivster Rückraumspieler der gesamten Partie.
Zumal sie sechzig Sekunden später das Kunststück fertigbrachten, bei doppelter Überzahl nicht nur zwei Mal kläglich am gerade eingewechselten TuS-Torhüter Nikola Blazicko zu scheitern, sondern sich, durch Thorir Olafsson natürlich, einen weiteren Kontertreffer einzufangen. Und weil im Gegenzug – Dormagen hatte immer noch einen Mann mehr auf dem Feld – Konstantinos Chantziaras sich einen Schrittfehler erlaubte, durfte Thorir Olafsson erneut ungehindert auf Vitali Feshchanka zulaufen. Die Folgen sind bekannt: TuS N-Lübbecke erhöhte auf 20:12 und feierte am Ende mit dem 33:23 (Halbzeit 17:12) vor 2300 Zuschauern seinen ersten Pflichtspiel-Sieg seit dem Wiederaufstieg. Dormagen hingegen darf sich nach zwei Schlappen gegen keineswegs zur Beletage der Bundesliga gehörende Kontrahenten auf einen langen Aufenthalt auf den Abstiegsrängen einrichten. Die Rote Laterne bleibt dem TSV nur deshalb erspart, weil die Melsunger das zweifelhafte Vergnügen hatten, an den ersten beiden Spieltagen gleich gegen Meister und Vizemeister antreten zu dürfen.
Mit zehn Toren Unterschied bei einem Aufsteiger zu verlieren – auch wenn der TuS N-Lübbecke dank Mäzen Paul Gauselmann, der mal eben eine halbe Million locker machen kann, um ein paar bauliche Veränderungen vor (!) der Halle vorzunehmen, sicher kein normaler Neuling ist – ist schon schlimm genug. Der Höchststrafe kommt es aber gleich, wenn der siegreiche Trainer nach dem Schlusspfiff befindet: "Dormagen hat eigentlich gut gespielt."
Damit hatte Patrick Liljestrand nicht mal Unrecht. Spielerische Defizite sind es nicht, die den Vorjahresaufsteiger in seiner zweiten Saison nur höchst bedingt konkurrenzfähig erscheinen lassen. Mangelnde Durchschlagskraft und damit einhergehend eingeschränkte Torgefahr aus dem Rückraum waren schon in der vergangenen Spielzeit ein Manko. Neu, verhängnisvoll und vielleicht Abstiegs-entscheidend sind die Fülle von Fehlern wie die zwischen der 32. und 34. Minute. Zu den Ballverlusten im Angriff gesellen sich schlafmützige Aktionen in der Abwehr – da hatte Dormagen dank 16 Paraden von Vitali Feshchanka endlich mal wieder eine erstliga-gemäße Torhüterleistung, doch dann landen allein vor der Pause fünf abgewehrte Bälle wieder beim Gegner, der daraus selbstredend Tore macht und so von 6:6 (12.) vorentscheidend auf 15:8 (22.) wegzieht.
Haben die Dormagener nicht während der Sommerpause die Elementartugenden des Handballspielens wie Passen, Fangen und das Spielgerät bei sich behalten verlernt, müssen die Fehler andere Ursachen zu haben. Und hier kommt die Grundstimmung ins Spiel: Die Mannschaft wirkt vollkommen verunsichert. Weil in Person von Florian Wisotzki ("das Spiel war eine Katastrophe") der anerkannte Führungsspieler auf der Tribüne sitzt? Oder weil die offenbar prekäre finanzielle Lage – Gerüchte sprechen von allerlei "schwarzen Löchern", die seit dem Weggang von Uli Derad im Zahlenwerk auftauchen – ihnen im Kopf herumspukt? Karl-Josef Ellrich, der neue starke Mann an der Vereinsspitze, hat zumindest in einer Richtung für Klarheit gesorgt (die NGZ berichtete): "Wir werden die Saison zu Ende spielen." So wie am Samstag in Lübbecke wahrscheinlich als Dauergast auf dem letzten Tabellenplatz.
Zur Sache Prekäre Lage
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