Ganz am Ende, die 1 600 Zuschauer in der Elsenfelder Sparkassen-Arena standen längst Beifall spendend vor ihren Sitzen, kapitulierte auch Kai Wandschneider: Mit versteinerter Miene, die Hände vor der Brust verschränkt, verfolgte der Handball-Lehrer, wie seine Schützlinge in die zweite Saisonniederlage schlitterten.
Nicht einmal von der grünen Karte für eine Auszeit machte der Trainer des TSV Bayer Dormagen in der zweiten Halbzeit Gebrauch - der 48-Jährige hatte wohl erkannt, dass seinen Spielern in den dafür zur Verfügung stehenden sechzig Sekunden nicht beizukommen war an diesem Sonntagabend, der den Gastgebern von Tuspo Obernburg ein wahrhaft historisches Ergebnis bescherte: Ihr 27:24-Sieg war der erste überhaupt im elften Aufeinandertreffen mit dem Tabellenführer der 2. Liga Süd.
Kai Wandschneider hat seinen Spielern viel beigebracht in den beinahe sieben Jahren, die er am Höhenberg Verantwortung trägt. Nur eines hat er ihnen nicht vermitteln können: Dass sie eine Handball-Saison nicht mit einer Achterbahnfahrt verwechseln. In einem fast schon mit mathematischer Präzision zu bestimmendenRhythmus geht es vom Berg ins Tal und (meistens) wieder zurück.
In der laufenden Spielzeit ist das Auf und Ab besonders krass: Auf ein gewonnenes so genanntes „Schlüsselspiel“ folgt ein scheinbar unerklärlicher Leistungsabfall. Das war gleich zu Saisonbeginn so, als dem 35:28-Sieg über den vermeintlichen (und jetzt wieder tatsächlichen) härtesten Aufstiegskonkurrenten HSG Düsseldorf die wenig erbaulichen Spiele in Korschenbroich und gegen Bittenfeld folgten. Nach drei Minuspunkten innerhalb einer Woche (31:31 gegen Coburg, 25:26 in Willstätt) ging es dann wieder steil bergauf - mit dem spielerisch und kämpferisch überzeugenden 27:25-Erfolg in Friesenheim als Höhepunkt. Danach wieder der Einbruch: „Rumpelhandball“ statt flüssiger Kombinationen herrschte über weite Strecken schon im Heimspiel gegen Delitzsch - gegen Obernburg war nicht einmal der zu sehen: „Phlegmatisch, lethargisch, ohne Biss und Durchschlagskraft“ - dieses auf den ersten Blick vernichtende Urteil kam am Sonntagabend aus berufenem Munde: dem des Trainers.
Nur einer, auch das betonte Wandschneider, stemmte sich vehement gegen das drohende Unheil: Rechtsaußen Tobias Plaz. „An seiner kämpferischen Einstellung sollten sich die anderen orientieren“, empfiehlt der Trainer den 25 Jahre alten Linkshänder, der in allen 15 Saisonspielen fast durchgängig in Abwehr und Angriff auf der Platte stand, als Vorbild. Kein Wunder, dass Plaz nicht nur am Sonntag mit fünf Toren erfolgreichster Werfer war, sondern mit 65 Treffern auch auf Rang zwei der vereinsinternen Torjägerliste liegt.
Das Gegenbeispiel läuft im Moment die andere Seitenlinie entlang: Denn nach sechs Saisonspielen war es Michiel Lochtenbergh, der mit 36 Treffern diese Rangliste anführte. Am Sonntag scheiterte der niederländische Nationalspieler nicht nur reihenweise von Linksaußen an Tuspo-Torhüter Milos Hacko, der 26-Jährige erzielte in den letzten neun Partien überhaupt nur 24 Treffer. Überbeanspruchung - auch er spielt mangels Alternativen meist 60 Minuten durch - oder mangelnder Konkurrenzdruck eben aufgrund dieser fehlenden Alternativen ?
Oder ein ganz anderer Grund? Lochtenbergh ist einer von insgesamt neun Spielern, deren Vertrag zum Saisonende ausläuft (die anderen sind Adrian Pfahl, Kjell Landsberg, Peter Sieberger, Ingo Meckes, Szabolcs Laurencz, Maté Josza, Maciej Dmytruszynski und Matthias Reckzeh). Tobias Plaz ist neben Perspektivspieler Max Holst der einzige, der bis 2010 unter Vertrag steht (alle Angaben anhand der HBL). Die Wochen um Weihnachten sind traditionell Wochen der Vertragsverhandlungen - und fast ebenso traditionell Wochen der wenig erbaulichen Handballspiele.
Der Eindruck, dass es dem ein oder anderen Dormagener Spieler derzeit mehr um den persönlichen (Tor-)Erfolg als ums Ganze geht, drängt sich jedenfalls mit Blick auf die vergangenen zwei Partien auf. Was Kai Wandschneider unlängst noch als großen Vorteil seines Kaders herausstellte, die große Ausgeglichenheit („egal, wie ich beim Spiel sechs gegen sechs die Spieler aufteile, es entstehen immer zwei Mannschaften auf Augenhöhe“), könnte sich in dieser Hinsicht als großer Nachteil erweisen: Ohne klare Hierarchie fehlt der Leitwolf, der auf dem Parkett den Ton angibt - mit und ohne Auszeit.
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