So kann das gleiche Resultat völlig gegensätzliche Reaktionen auslösen: Kaum hatten die Unparteiischen Ronny Dedens und Nico Geckert sechzig dramatische Handballminuten abgepfiffen, wälzte sich ein Dutzend Eisenacher Spieler wie von Sinnen auf dem Parkett der Werner-Aßmann-Halle.
Ihre Dormagener Kollegen hingegen starrten in die Leere, ins große Nichts, kaum fähig, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Emotionen, die zwischen Wut, Niedergeschlagenheit und einer Portion Selbstkritik pendelten, die Torhüter Matthias Reckzeh eine Stunde später, immer noch bleich und mit glasigen Augen, auf den Punkt brachte: „Letztlich haben wir uns das selbst zuzuschreiben . . .“
Fünfundvierzig Minuten hatten sie (fast) alles richtig gemacht am Samstagabend. Kühlen Kopf bewahrt im Hexenkessel der Werner-Aßmann-Halle, der im Abstiegskampf noch ein paar Dezibel lauter wirkte als sonst.
Hinten gut gestanden, sieht man einmal von dem kaum zu bremsenden, zehnfachen Torschützen Benjamin Trautvetter am Eisenacher Wurfkreis ab. Vorne gut getroffen, zumindest eine Halbzeit lang, so dass die 17:13-Führung zur Pause hochverdient war aus Sicht der Gäste.
Doch schon in den ersten fünf Minuten nach Wiederbeginn deutete sich das an, was den Dormagenern am Ende, als auf dem Parkett und auf den Rängen alle Dämme brachen, das Genick brechen sollte: die schlechte Chancenverwertung.
Fünf Mal scheiterten sie in dieser Phase an Timo Meinl, der am Ende mit 16 Paraden der am heftigsten gefeierte Held unter den heftig gefeierten Helden war.
„Alte Eisenacher Tugenden“ attestierte ThSV-Trainer Hans-Joachim Ursinus hinterher seinen Schützlingen. Und meinte damit die Tatsache, dass sie sich auch von schier aussichtslos scheinenden Rückständen (13:19, 32.), 17:24, 41., 21:27, 48.) nicht in die Resignation treiben ließen.
Den Dormagenern verliehen diese Führungen hingegen nicht die Sicherheit, die sie angesichts ihrer spielerischen Überlegenheit eigentlich hätten haben müssen.
„Wir haben jetzt nacheinander mit Essen, Bergischem HC und Dormagen die drei Spitzenmannschaften hier gehabt“, resumierte Ursinus, „davon war Dormagen die stärkste, was die Spielkultur anbelangt.“
Komplimente, für die sich der Tabellenzweite wenig bis gar nichts kaufen kann, so lange er nicht das zu beheben weiß, was Trainer Kai Wandschneider mit einer unzweideutigen Geste in Richtung seiner hohen Stirn andeutete: „Das ist bei uns ein reines Kopfproblem.“
Angst vor dem Siegen? Angst vor der Verantwortung? Auffällig, dass es meist jene Spieler sind, die eigentlich die Rolle der „Leitwölfe“ übernehmen sollen, die in den vor-entscheidenden Situationen patzen.
So wie Adrian Wagner, der zwar mit fünf Treffern zweitbester Feldtorschütze war, aber im zweiten Durchgang auch vier Mal an Meinl scheiterte.
Oder Florian Wisotzki, der es 175 Sekunden vor dem Schlusspfiff ganz alleine in der Hand hatte, für die Entscheidung zu sorgen, nachdem Eisenach auf 27:27 (54.) herangekommen, Bayer aber wieder durch Pfahl und Plaz auf 29:27 weggezogen war.
Doch auch er, mustergültig angespielt von Christoph Schindler, fand vollkommen alleine und unbedrängt aufs Eisenacher Tor zulaufend in Meinl seinen Meister.
Dass sich die Schiedsrichter schließlich angesichts solcher Unzulänglichkeiten auf die Seite des bedingungs-, fast besinnungslos kämpfenden Außenseiters schlugen, war beinahe folgerichtig.
„Hätten wir unseren Vorsprung bis in die Schlussphase gehalten, wären sie gar nicht auf die Idee gekommen, so zu pfeifen“, zeigte Matthias Reckzeh so etwas wie Verständnis für die Unparteiischen.
Die Eisenacher Treffer von Trautvetter (58:10), Kraft (59:20) und schließlich Sklenak (59:56 Minuten) ließen jedenfalls Erinnerungen an die Partien gegen Wilhelmshaven und Essen wach werden. Das Bayer-Trauma lässt den Traum vom Aufstieg in Gefahr geraten.
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