Nach einer Dreiviertelstunde rieb sich der ältere Herr in Block E der Rittal-Arena verwundert die Augen: „Wie haben die denn in Kiel einen Punkt geholt?“, fragte er seinen Sitznachbarn. Gerade hatte Sven-Sören Christophersen nach einem katastrophalen Fehlpass von Sebastian Faißt mit dem zehnten seiner insgesamt ein Dutzend Treffer die HSG Wetzlar mit 20:15 in Front geworfen.
15 Handballminuten und eine Pressekonferenz später wussten nicht nur die beiden HSG-Fans, wie: mit Geduld. „Wir haben auch nach dem Fünf-Tore-Rückstand nicht die Geduld verloren“, sagte Kai Wandschneider, nachdem seine Schützlinge mit dem 23:23 (die NGZ berichtete) im Kellerduell der Handball-Bundesliga bei der HSG Wetzlar den zweiten Auswärtspunkt der Saison nach dem 28:28-Auftaktremis in der Kieler Ostseehalle geholt hatten.
„Wir haben die richtige Antwort gegeben“, ordnete der Trainer des TSV Dormagen das vierte Unentschieden seit dem Bundesliga-Aufstieg mit Blick auf die Pleite vier Tage zuvor ein, als sich der Neuling mit dem gleichen Resultat von Mit-Aufsteiger Stralsunder HV getrennt hatte.
„So unterschiedlich kann das selbe Ergebnis bewertet werden“, stellte der sichtlich erleichterte Handball-Lehrer, nach seiner massiven Spielerschelte selbst in die Kritik geraten, fest. Der 49-Jährige ist um seinen Job wahrlich nicht zu beneiden. Denn wenn eines beim TSV Dormagen in der Saison 2008/09 gewiss ist, dann ist es die Ungewissheit.
„Zwei Tage sind wir in Sack und Asche gegangen, heute sind wir wieder auferstanden“, bringt Wandschneider die Schwankungen auf den Punkt. Denn nicht zum ersten Mal sorgten seine Schützlinge für eine solche Achterbahn fahrt der Gefühle: Eine Woche nach der bisher höchsten Saisonniederlage, dem 26:40 in Flensburg, kämpfen sie HBW Balingen-Weilstetten mit 27:24 nieder.
Und auf die desolaten Vorstellungen in Göppingen (21:30) und Minden (24:30) folgte prompt der Punktgewinn (28:28) gegen Gummersbach. Nur um über die 30:43-Schlappe in Melsungen zur bisher schwächsten Vorstellung gegen Stralsund zu führen.
Nur vier Tage später sind die Dormagener wieder obenauf, schließlich hatte die HSG Wetzlar eine Woche zuvor an gleicher Stelle die Rhein-Neckar Löwen mit 33:31 bezwungen. Daraus zu schlussfolgern, der Aufsteiger hätte nun morgen (15 Uhr) gegen eben diese Löwen eine reelle Chance, wäre fatal.
Denn als „Wundertüte“ präsentiert sich der TSV eben nicht nur von Spiel zu Spiel. Auch innerhalb einer Partie geben die Dormagener Rätsel auf: In der „sehr zähen ersten Halbzeit“ (HSG-Trainer Volker Mudrow) bestimmten sie am Mittwoch so eindeutig das Geschehen, dass der Wetzlarer Übungsleiter sogar zugab: „Angesichts unserer Leistung war ich mit dem 11:13-Zwischenstand gar nicht so unzufrieden.“
Es folgte ein viertelstündiger Blackout der Gäste, der beängstigend an das Desaster gegen Stralsund erinnerte: Allein sechs Mal scheiterten sie in dieser Phase an Torhüter Nikolai Weber, „dem wir ganz allein den einen Punkt zu verdanken haben“, meinte HSG-Manager Rainer Dotzauer. Schlimmer noch: Genau so oft gaben sie das Spielgerät durch Fehlwürfe oder -abgaben aus der Hand.
Die Folge: Beim 15:20 (47.) „hatten wir nichts mehr zu verlieren“, gab Wandschneider zu. Und diese Rolle scheint den Dormagenern mehr zu liegen als die, einen knappen Vorsprung verteidigen zu müssen. Ganz ähnlich wie in Kiel, wo der THW von 13:13 auf 23:19 (43.) weggezogen war, arbeiteten sie sich auch am Mittwoch Tor um Tor heran, hatten beim 21:21 (55.) durch den unermüdlich rackernden Tobias Plaz wieder den Gleichstand geschafft.
Weil Wetzlar wieder in Vorlage trat, nahm Wandschneider den endlich einmal überzeugenden Joachim Kurth aus dem Tor und brachte Nils Meyer als Feldspieler Nummer sieben - auch das hatte er bereits in der Ostseehalle mit Erfolg praktiziert.
Die meiste Geduld bewiesen die Dormagener aber, nachdem Florian Wisotzki sechzig Sekunden vor Schluss den Ausgleichstreffer erzielt und Kurth 20 Sekunden später den Strafwurf von Christophersen entschärft hatte: Da spielten sie routiniert die Zeit ’runter. „Wir wollten kein Risiko mehr eingehen“, sagte Wandschneider, „mit dem einen Punkt waren wir mehr als zufrieden“. Für die „Wundertüte der Liga“ zählte der nämlich doppelt.
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