Das ganze Dilemma des deutschen Handballs wurde am Mittwochabend in Dormagen deutlich – erst in der Diskussion mit Heiner Brand, dann auf dem Spielfeld. Denn in der Bundesliga gibt nicht der Spielwitz den Ton an, sondern die größere Physis. Und die wird meist im Ausland eingekauft.
Erst gab es die Theorie, dann folgte sechzig Minuten lang die Praxis: Was Heiner Brand und Andreas Thiel auf der vorangegangenen Podiumsdiskussion über den Zustand des deutschen Handballs gesagt hatten, bekamen 2626 Zuschauer in der HRC-Arena anschließend ebenso plastisch wie drastisch vor Augen geführt. Besser als bei der 23:34-Niederlage des TSV Dormagen gegen Bundesliga-Spitzenreiter HSV Hamburg lässt sich das Dilemma, in dem der größte und einst leistungsstärkste Handballverband der Welt steckt, kaum dokumentieren.
"Wir brauchen Spieler, die Verantwortung tragen, auch in ihren Vereinen. Und das im Rückraum, nicht nur auf den Außenpositionen," hatte der Bundestrainer das enttäuschende Abschneiden der Nationalmannschaft bei den Europameisterschaften, die ihr mit Rang zehn das schlechteste Ergebnis der Geschichte bescherten, analysiert.
Schindler trifft ein Mal
Bei seinem ersten Einsatz für den VfL Gummersbach war Christoph Schindler bei der 26:27-Niederlage in Lübbecke erst in der Schlussphase eingewechselt worden und hatte zwei Tore erzielt. Am Mittwoch bei seiner Heimpremiere durfte der Ex-Dormagener gegen die HSG Wetzlar von Anfang an 'ran, blieb aber blass und warf nur ein Tor (Schnitt in Dormagen 5,5 pro Spiel). Die Gummersbacher lagen vor nur 1479 Zuschauern bis kurz vor Schluss zurück (22:24) und drehten die Partie in den letzten Minuten noch in einen 28:25-Sieg.
Die Spieler, auf die der Tabellenführer der deutschen Bundesliga an diesem Abend in seinem Rückraum setzte, hießen Domagoj Duvnjak, Blazenko Lackovic, Marcin Lijewski und Guillaume Gille – zwei Kroaten, ein Pole, ein Franzose. Deutsche durften beim HSV allerdings auch mittun – im Tor, wo Johannes Bitter seinen Platz nach 38 Minuten für den Schweden Per Sandström räumte. Auf Linksaußen, wo Jung-Nationalspieler Matthias Flohr dank reichlich Gegenstoßmöglichkeiten zum besten Torschützen (sieben Treffer) avancierte. Auf Rechtsaußen, wo Nationalspieler Stefan Schröder den dänischen Torschützenkönig Hans Lindberg aber erst ablösen durfte, als die Partie entschieden war. Und im Rückraum wo sich Pascal Hens nach grottenschlechter erster Halbzeit den Rest von der Bank aus anschauen durfte.
Hamburg ist kein Einzelfall, im Gegenteil. Der THW Kiel hatte eine Woche zuvor gegen Dormagen über weite Strecken nur mit einem Deutschen (Rechtsaußen Christian Sprenger) agiert. "Ich habe schon Bundesligaspiele gesehen, bei denen überhaupt kein Deutscher dabei war", sagt Heiner Brand und untermauert damit seine Forderung nach einer Ausländerbeschränkung (die NGZ berichtete). In den Augen von Christian Fitzek tragen die deutschen Handballer zumindest Teilschuld an ihrer Situation. Ausländer, findet der Sportliche Leiter des HSV Hamburg, seien wesentlich pflegeleichter: "Die denken nur an Handball. Bei jungen deutschen Spielern ist immer alles so kompliziert – mit Schule, Ausbildung, Studium. Und dann mischen sich auch oft noch die Eltern ein."
Eine Einschätzung, die Max Holst so gar nicht teilt: "Wir sind nicht kompliziert", sagt der 20-Jährige, der in Dormagen seine zweite Bundesliga-Saison bestreitet und froh ist, dass er beim TSV weitaus mehr Spielanteile bekommt als seine Altersgenossen anderswo in der Liga, "wir denken nur an unsere Zukunft." Das, findet Andreas Thiel, kann dem deutschen Handball nur gut tun: "Wir brauchen wieder intelligentere Spieler", geht der Bundestorwarttrainer mit der aktuellen Generation hart ins Gericht.
Doch Spielintelligenz ist in der angeblich "stärksten Liga der Welt" nur am Rande gefragt. Auch das machte die Partie am Mittwochabend deutlich. Denn die intelligentere Spielanlage, die besseren Spielzüge hatten die Gastgeber. Weil ihnen aber die nötige Physis – und das nötige Geld, diese einzukaufen – fehlt, sind sie Drittletzter, der HSV Hamburg aber Tabellenführer. Ein deutsches Dilemma.
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