Nein, beteuerte Kai Wandschneider, die Einlassung von Stefan Kretschmar sei nicht abgesprochen gewesen. Zielsicher hatte der immer noch bekannteste Handballer Deutschlands und Sportliche Leiter des SC Magdeburg nach der 24:31-Niederlage des TSV Dormagen beim Tabellendritten den Finger in die Wunde des Bundesliga-Aufsteigers gelegt: „Bei allem Respekt vor dem Engagement der Dormagen: Es fehlt einfach ein guter Rückraumspieler.“
Um das zu erkennen an diesem Samstagnachmittag, bedurfte es nicht der geballten Kompetenz, die sich „Kretzsche“ in 218 Länderspielen erworben hat. Dafür genügte ein Blick in die Statistik. Denn während Michiel Lochtenbergh genau ein Dutzend Mal das Spielgerät am darob sichtlich angefressenen Silvio Heinevetter vorbeizirkelte, nur ein Mal am Nationaltorhüter scheiterte und dafür sogar ein Sonderlob seines prominenten Linksaußenkollegen („eine überragende Leistung, das muss man anerkennen“) einheimste, gelangen allen fünf eingesetzten Dormagener Rückraumspielern zusammen nur elf Treffer.
Dass davon neun auf das Konto des bis auf die Schlussphase starken Florian Wisotzki (6) und eines soliden Christoph Schindler (3) gingen, sagt noch mehr über den ersten Dormagener Pflichtauftritt nach der WM-Pause aus. „Das kann für uns zum Problem werden“, schaut Trainer Wandschneider bangen Blickes auf den rechten Rückraum, aus dem Konstantinos Chantziaras und Szabolcs Laurencz nur je einen Treffer beisteuerten.
Auf beiden Seiten fielen kuriose Tore
(-vk) Es hat schon torreichere Spiele gegeben in der Handball-Bundesliga als zwischen SC Magdeburg und TSV Dormagen. Doch dass auf beiden Seiten Akteure ins leere Tor treffen, dürfte Seltenheitswert besitzen: Nach 34 Minuten überwand Florian Wisotzki den weit vor seinem Gehäuse stehenden Silvio Heinevetter mit einer Bogenlampe aus der eigenen Hälfte. Im Rückwärtslaufen bekam Heinevetter den Ball erst hinter der Linie zu fassen und schob dabei das Tor aus seiner Verankerung, blieb aber unverletzt. 20 Minuten später revanchierte sich der WM-Held mit einem Abwurf ins verwaiste TSV-Gehäuse - Trainer Wandschneider hatte Matthias Reckzeh zugunsten eines siebten Feldspielers herausgenommen - und traf zum 29:22.
Dabei schien das Problem auf dieser Position mit Chantziaras’ Verpflichtung schon behoben. Doch der Grieche hat in der WM-Pause, als er zwei Wochen fieberkrank im Bett lag, ebenso viel Kraft verloren wie Bindung zur Mannschaft eingebüßt. Und weil letztere auch Szabolcs Laurencz nach seiner dreiwöchigen Zwangspause wegen einer Schulterverletzung völlig abging, strahlten die Linkshänder keinerlei Gefährlichkeit aus. Höchstens für das eigene Tor. Denn ihre Fehler waren es, die die Dormagener entscheidend zurückwarfen, nachdem sie sich gerade erst ins Spiel hineingekämpft hatten. Mit einem Blitzstart - 5:1 nach sieben Minuten - machten die Magdeburger deutlich, dass die Autobahnschilder an der Landesgrenze - „Sachsen-Anhalt, Land der Frühaufsteher“ - durchaus ihre Berechtigung besitzen.
Doch die TSV-Handballer zeichnet mittlerweile aus, dass solche Zwischenstände sie nicht in Panik versetzen: Vier Minuten und drei Gästetreffer später schien die Partie wieder offen - und wer weiß, wie sie verlaufen wäre, hätte Michiel Lochtenbergh nach elf Minuten den Ausgleich erzielt.
Doch der Linksaußen scheiterte zum ersten (und einzigen) Mal an WM-Held Heinevetter, der auch noch den Nachwurf von Kjell Landsberg meisterte. Und als ob das nicht schon Ungemach genug gewesen wäre: Ausgerechnet in Unterzahl (Zeitstrafe Wiegert) bauten die Hausherren dank Dormagener Fehlern den Vorsprung auf 9:4 (14.) aus, lagen 180 Sekunden später mit 11:4 in Front - die Partie war entschieden.
Ob sich nun die Gäste steigerten oder sich, wie SCM-Trainer Michael Biegler befand, bei den Magdeburgern „Konzentrationsmängel“ einschlichen: Von da an spielte der TSV durchaus ordentlich mit, kam durch das erste Bundesliga-Tor von Sebastian Linder, der ein ordentliches Debüt hinlegte, aber - auch nach eigener Einschätzung - noch steigerungsfähig erscheint, bis auf 20:24 (48.) heran und hätte die Sache sogar noch spannend machen können.
Aber weil Florian Wisotzki die Kräfte schwanden, kam aus dem Rückraum nun überhaupt kein Druck mehr. Und mit dem Einsatz eines siebten Feldspielers machte Wandschneider eher die Räume eng als die von Biegler offensichtlich glänzend auf alle Dormagener Varianten vorbereiteten Magdeburger in Verlegenheit zu stürzen.
Selbst dass Heinevetter mit einem Abwurf ins verwaiste Gästegehäuse traf (55.), brachte den TSV-Trainer nicht von seiner Taktik ab. Die will er weiter verfolgen, „weil wir nur mit solchen taktischen Tricks eine Chance haben,“ ist Wandschneider überzeugt. Denn einen neuen Rückraumspieler wird er wohl nicht bekommen - trotz Stefan Kretschzmar als Kronzeugen.
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