Sonntag Nachmittag gastiert der TSV Dormagen in der Flensburger Campus-Halle. Für Florian Wisotzki, Kapitän und Regisseur des Handball-Bundesligisten, kein Spiel wie jedes andere: Er wuchs 20 Kilometer südlich von Flensburg auf.
Wenn der TSV Dormagen morgen um 15 Uhr in der Flensburger Campus-Halle aufläuft, hofft Kai Wandschneider auf die stärkende Wirkung schleswig-holsteinischer Seeluft für seinen Kapitän. Denn Florian Wisotzki zählt zu den Sorgenkindern des Dormagener Trainers.
Seit den wirtschaftlichen Turbulenzen des Handball-Bundesligisten, insbesondere dem tagelangen Tauziehen um die Vertragsänderungen (die NGZ berichtete), läuft der 28 Jahre alte Regisseur seiner Form hinterher: "Ihn hat die Situation besonders belastet, weil natürlich alle Mitspieler seinen Rat gesucht haben", zeigt Wandschneider ein gewisses Verständnis für die eher blutleeren Auftritte Wisotzkis in den vergangenen Wochen.
Minden legt nach
Minden, einer der Hauptkonkurrenten des TSV Dormagen im Kampf um den Klassenerhalt, hat auf die schwachen Vorstellungen seines Rückraums reagiert und den ungarischen Nationalspieler Barna Putics, in der vergangenen Saison bei TuSEM Essen unter Vertrag, bis zum 30. Juni 2012 unter Vertrag genommen.
Dabei war sein Comeback nach einer Anfang August vorgenommenen Kniespiegelung besser verlaufen als erwartet: Die befürchteten Startschwierigkeiten blieben aus. "Wir brauchen Flo als Führungsspieler und Rückraumschützen. Ohne ihn haben wir keine Chance", stellt Wandschneider klar. Jetzt hofft er, dass der Besuch auf der schmalen Landzunge zwischen Nord- und Ostsee – die Dormagener fahren heute Morgen los und übernachten in der Nähe von Kiel, wo sie am Abend eine Trainingseinheit einlegen – heilsame Wirkung auf seinen Kapitän ausübt.
Schließlich ist Florian Wisotzki dort zu Hause. Aufgewachsen ist er in Tarp, einer knapp 6000 Einwohner zählenden Gemeinde zwanzig Kilometer südwestlich von Flensburg, deren bekanntester Einwohner Alexander Behm, der Erfinder des Echolots, ist. Bei der HSG Tarp-Wanderup begann Wisotzki 1990 auch seine handballerische Laufbahn, 1999 wechselte der damals 18-Jährige in die Männermannschaft, die damals in der Zweiten Liga auflief (heute Regionalligist).
Zwei Jahre später tat er das Unerhörte: Er wechselte nicht zur SG Flensburg-Handewitt, sondern zum Rivalen THW Kiel, für den er bis 2004 38 Bundesliga-Partien bestritt. Den Weg in die Stammsieben des Starensembles fand Wisotzki, der am 4. Januar 2003 sein bisher einziges A-Länderspiel für Deutschland bestritt (33:38 gegen Ungarn), jedoch nicht. Dafür über die Zwischenstation Wacker Thun den zum TSV Dormagen. Mit dem läuft er morgen zum zweiten Mal in seiner Heimat auf. An die Premiere dürfte er keine guten Erinnerungen haben: Da kassierte der TSV in der Campus-Halle mit 26:40 die zweithöchste Niederlage der vergangenen Saison. Wisotzki gehörte zusammen mit Max Holst und Michiel Lochtenbergh (je 4) zu den erfolgreichsten Torschützen.
"Die Niederlage war zu hoch, eigentlich waren wir gar nicht so schlecht, sind aber im zweiten Durchgang überrannt worden", erinnert sich Wandschneider. Das will er morgen tunlichst vermeiden: "Dafür brauchen wir aber eine disziplinierte Angriffsleistung, dürfen uns nicht so viele Ballverluste erlauben wie gegen Lemgo." Die bestrafen die Top-Mannschaften, auch Flensburg mit seinem dänischen Flügelflitzer Lars Christiansen, gnadenlos mit Gegenstößen. Das hat den Dormagenern bislang das schlechteste Torverhältnis aller Erstligisten (372 kassierte Treffer in zwölf Spielen, Differenz -71) eingebrockt, "denn vor unserer Deckung haben die meisten Kollegen Respekt", sagt der Trainer, "wir stehen nur zu selten hinten drin."
Wandschneider muss morgen auf den an Angina erkrankten Kentin Mahé verzichten, sein Gegenüber Per Carlen auf die Langzeitverletzten Johnny Jensen, Alen Muratovic und Lasse Boesen. Dafür ist Torge Johannsen mit von der Partie: Der Linkshänder, 2005 für eine Saison an Dormagen ausgeliehen, trug von 2000 bis 2003 ebenfalls das Trikot der HSG Tarp/Wanderup.
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