Selbst Trainer Volker Mudrow hatte seine Zweifel, ob der 27:26-Sieg des TBV Lemgo über den TSV Dormagen verdient war. Die abstiegsgefährdeten Gäste kämpften nicht nur bis zum Umfallen, sondern hielten auch spielerisch gegen. Erst ein verworfener Siebenmeter brachte die Entscheidung.
Lemgo Strahlende Sieger sehen anders aus als Volker Mudrow am Samstagabend im Presseraum der Lipperlandhalle. Der 40-Jährige, der sechs Tage zuvor den TBV Lemgo durch einen glanzvollen 34:26-Sieg über Naturhouse La Rioja ins Finale des EHF-Europapokals geführt hatte, wirkte eher ein bisschen verlegen. "Ob dieser Sieg verdient war, darüber lässt sich streiten", meinte Mudrow angesichts einer überaus mühevollen Vorstellung seiner Schützlinge, die erst durch ein Siebenmetertor von Mark Schmetz 22 Sekunden vor dem Schlusspfiff an einer handfesten Blamage vorbeigeschrammt waren.
Denn 48 Minuten lang hatten nicht sie, sondern die abstiegsgefährdeten Gäste aus Dormagen das Geschehen bestimmt. 4089 Zuschauer, für die zuvor eigentlich nur die Höhe des Sieges Gegenstand der Spekulationen gewesen war, wunderten sich nicht schlecht, wie das allerletzte Aufgebot des Tabellendrittletzten aufspielte an diesem Abend: rotzfrech, respektlos, mit einer 5+1-Deckung, an der sich die Lemgoer Angreifer die Zähne ausbissen. Hätte nicht Linkshänder Rolf Hermann vier Mal getroffen in den ersten 17 Spielminuten, die Dormagener hätten noch höher führen können als mit 11:6 (21.).
Es war fast fehlerfrei, was die Gäste in dieser Phase aufs Parkett zauberten. Selbst Spyros Balomenos, für den verletzten Wisotzki von Beginn an auf der Königsposition im linken Rückraum, glänzte mit Würfen und mehr noch mit Anspielen an Kreisläufer Sebastian Linder. Es waren zwei Auswechslungen, die Lemgo überhaupt ins Spiel brachten: Martin Galia, in der 18. Minute für Carsten Lichtlein zwischen die Pfosten gerückt, und Tamas Mocsai, der Martin Strobel in der Schaltzentrale ablöste, verkürzten den Rückstand zur Pause auf 14:15.
Und es war ein taktischer Schachzug Mudrows, der die Begegnung endgültig zum Kippen brachte: Er stellte die TBV-Abwehr ebenfalls auf ein 5+1-System um, ließ Florian Kehrmann vorgezogen gegen den gut aufgelegten Nils Meyer decken. Das brachte die Dormagener nicht nur aus dem Rhythmus, das bescherte dem TBV auch die Möglichkeit zu Gegenstößen, von denen der aus Büttgen stammende Rechtsaußen drei selbst verwandelte. Trotzdem dauerte es bis zur 47. Minute, ehe Lemgo erstmals seit dem 1:0 in Führung ging – auch, weil beide Mannschaften das Kunststück fertigbrachten, zwischendurch 5:40 Minuten das Tor nicht zu treffen.
Doch souverän waren die Hausherren auch danach nicht. "Wir hatten zu keiner Minute Gewissheit, das Spiel zu gewinnen", gab Mudrow zu. Auch nicht, als Kehrmann den TBV erstmals mit zwei Treffern davon ziehen ließ (22:20, 49.). Denn Dormagen zeigte "eine Moral, von der ich manchmal selbst nicht weiß, wo meine Jungs die noch hernehmen", meinte Trainer Kai Wandschneider. Weil Jens Vortmann gleich zwei Strafwürfe in Folge (Schmetz und Kraus, 51.) hielt, glich der TSV beim 22:22 wieder aus. Auch das 25:23 steckten die Gäste weg – Meyer traf zum 25:25 (58.). Die Entscheidung fiel dann am Siebenmeterpunkt: Michiel Lochtenbergh, zuvor fünf Mal erfolgreich, scheitert 68 Sekunden vor Schluss an Galia, 46 Sekunden später behält Schmetz auf der Gegenseite die Nerven – und bringt die Gäste um einen ebenso verdienten wie überlebenswichtigen Punkt.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport, Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder, Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.