Punkt 19.08 Uhr am Sonntag Abend rissen Philipp Petzschner, Flavio Cipolla und 150 ausharrende Zuschauer in der blau-weissen Tennishalle an der Jahnstraße die Arme in die Höhe: Mit ihrem 6:2, 6:1-Sieg über das Aachener Doppel Alessio di Mauro und Carlos Berloq hatten sie Tennis-Bundesligist TC Blau-Weiss soeben den Deutschen Vizemeistertitel gesichert. Es war der siebte in der 60-jährigen Vereinsgeschichte und der überraschendste zugleich.
So überraschend, dass Oliver Weber, Wettspielleiter des Deutschen Tennis-Bundes, mit leeren Händen die Siegerehrung vornehmen musste: Der Pokal für den Vizemeister war mit dem Düsseldorfer Rochusclub nach Erfurt gereist. „Weil die Düsseldorfer vor dem letzten Spieltag die bessere Ausgangsposition hatten“, sagte Weber. Die verspielte das Starensemble von der anderen Rheinseite allerdings durch eine 2:4-Niederlage bei Aufsteiger Erfurter TC Rot-Weiß, der sich in der Abschlusstabelle sogar noch Rang vier sichern konnte.
„Eine Steilvorlage für uns“, hatte BW-Pressesprecher Dietmar Skaliks schon am Nachmittag beim Studium´der Ergebnisse von den anderen Plätzen gesagt. Zeit dazu hatte er, denn um 15.25 Uhr gab’s erstmal eine einstündige Regenunterbrechung. Die Doppel wurden schließlich gleich in der Halle ausgetragen.
Dorthin wäre am Morgen beinahe die gesamte Partie verlegt worden. Doch Oberschiedsrichter Knut Gräbner konnte sich noch nicht sofort dazu durchringen und sah sich am Ende auch in seiner Entscheidung bestätigt: „Schließlich haben wir die Einzel noch draußen über die Bühne gekriegt.“ Doch wegen des verspäteten Beginns und der Unterbrechung wurde es ein langer Tennistag - auf das versprochene Freibier („eine Spende der Mannschaft“, wie Team-Manager Marc Raffel betonte) mussten die verbliebenen Fans bis kurz vor 20 Uhr warten.
Es schmeckte um so besser, als die Blau-Weissen am Sonntag als krasser Außenseiter in die Partie gegangen waren. Schließlich hatte Aachen mit Alessio di Mauro (Nummer 88) und Albert Montanes (Nummer 75) gleich zwei Spieler aus den besten 100 der Weltrangliste aufgeboten. Und der Rest des Teams mit Carlos Berlocq (Nummer 111) und dem Ex-Neusser Santiago Ventura (Nummer 319) war auch nicht von schlechten Eltern.
„Doch Ranglistenplätze holen keine Punkte“, meinte BW-Trainer Jochen „Lupo“ Hierl mit Blick auf die Kräfteverhältnisse und die tatsächlichen Ergebnisse. Und Raffel sah sich in seiner schon früh in der Saison geäußerten Meinung bestätigt: „Am Ende stehen die oben, die echte Mannschaften sind.“ Was für Halle und Neuss, die viele Partien in der gleichen Besetzung aufliefen, offensichtlich zutraf.
Es war schlicht sensationell, was sich da am Sonntag auf der nassen Neusser Asche abspielte: Raphael Oezelli, die Nummer 1558 der Weltrangliste, trotzte bei seinem ersten Eineinsatz Santiago Ventura immerhin einen dritten Satz ab, verlor am Ende nur knapp 6:2, 2:6, 7:10. „Zaubermaus“ Tomas Tenconi, wegen Verletzungen und Formschwäche auf ATP-Rang 544 abgerutscht, entzauberte Carlos Berloqc mit 6:4, 4:6, 10:6 und gleich damit aus.
Und es wurde immer sensationeller: Philipp Petzschner (Nummer 375) ließ sich nur kurz durch die Regenpause aus dem Konzept bringen, triumphierte am Ende mit 7:6, 6:3 über Albert Montanes und machte damit seine tags zuvor beim „NGZ-Sport-Samstag“ geäußerte Ankündigung wahr, seine Einzelbilanz von einem Sieg bei fünf Niederlagen zu verbessern. „Ein Super-Abschluss einer Super-Saison. Ich freue mich schon auf die nächste“, ließ der in Köln lebende Bayer wissen.
Seine erste im blau-weissen Trikot beendete auch Flavio Cipolla mit einem Triumph: In einem im zweiten Satz hochklassigen Spitzenspiel bezwang der Italiener (Nummer 149) seinen 61 Plätze besser gestellten Landsmann Alessio die Mauro mit 6:1, 6:4.
Und spielte anschließend im Doppel an der Seite des zum siebten Mal siegreichen Philipp Petzschner seine ganze Schnelligkeit aus. Fast hätten Tomas Tenconi und Debutant Mariusz Meiszies noch den fünften Punkt geholt - ihre 6:2, 5:7, 6:10-Niederlage gegen Montanes/Ventura interessierte nur noch drei übertrieben lautstark mitgehende Aachener Betreuer.
Die Neusser Fans mussten deswegen jedoch bis 19.35 Uhr Siegerehrung und anschließenden Umtrunk warten, taten dies jedoch gerne: Denn mit dem TC Blau-Weiss 2006 stand nicht nur ein sportlich verdienter Vizemeister fest, sondern auch ein überaus sympathischer.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport, Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder, Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.