Joachim Kurth schmeckte nicht einmal die Pizza, die Herbert Genzer im Foyer der Bietigheimer Sporthalle am Viadukt kredenzte - zu tief saß beim Torhüter des TSV Bayer Dormagen der Frust über einen seiner Meinung nach unnötigen und ungerechten Punktverlust des Zweitliga-Tabellenführers. „Sechs Minuspunkte aus der Hinrunde sind nicht schlecht“, kommentierte der 37-Jährige das 21:21-Unentschieden (Halbzeit 10:10) bei der SG Bietigheim-Metterzimmern, mit dem der Vorsprung des Spitzenreiters auf Verfolger HSG Düsseldorf auf zwei Zähler zusammenschmolz, „dass aber für die Hälfte davon die Schiedsrichter verantwortlich sind, ist eine Riesensauerei.“
Minuten vorher hatten seine Teamkollegen ihren Torhüter nur mit Mühe davon abhalten können, Jochen Fischer und Matthias Hetzel seine Meinung zu sagen: „Wahrscheinlich wäre ich für den Rest meines Lebens gesperrt worden“, war ihnen Kurth im Nachhinein dankbar.
Was ihn, seine Kollegen und die fast fünfzig mitgereisten Dormagener Fans auf die Palme brachte, war eine in der Tat indiskutable, phasenweise höchst einseitige Leistung der Unparteiischen aus Ludwigshafen, die darin gipfelte, dass sie 2:03 Minuten vor Ende dem vermeintlichen Siegtreffer von Tobias Plaz die Anerkennung versagten: Der Rechtsaußen soll bei seinem Gegenstoß den gegnerischen Wurfkreis betreten haben. 14 Sekunden später schickten sie Maciej Dmytruszynski, der trotz Nasenbeinbruch durchspielte, mit der dritten, gleichfalls höchst fragwürdigen Zeitstrafe vom Feld.
In Unterzahl retteten die Dormagener den Gleichstand, für den Dmytruszynski zwei Minuten zuvor gesorgt hatte, über die Zeit. Ja, sie besaßen nach einem erfolgreichen Abwehrblock gegen Sebastian Sauerland - eine ähnliche Aktion hatten sie kurz zuvor mit einem Siebenmeter bestraft - sogar erneut die Chance auf den Siegtreffer.
Warum die Unparteiischen abpfiffen, als sich Adrian Pfahl in einen schlecht gezielten Pass von Alex Koke (nicht der einzige an diesem Abend) warf, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Den erneuten Ballbesitz konnten die Gastgeber, die sechs Minuten vor Schluss bereits 21:19 geführt hatten, nur noch zu einem direkten Freiwurf in der Schlusssekunde nutzen, den Jeremias Rose am Tor vorbei warf.
Nicht zum ersten Mal, dass Fischer/Hetzel den Unmut der Dormagener auf sich zogen: „Die haben uns schon zwei Mal ganz ähnlich verpfiffen, in Oßweil und in Hüttenberg“, erinnerte sich Kai Wandschneider. Der Trainer hatte gleich die passende Statistik parat: „Bisher hatten wir 6,9 technische Fehler pro Spiel, heute waren es mehr als das Doppelte. Mindestens die Hälfte all dieser Schrittfehler, Stürmerfouls und falschen Sperren waren Fehlentscheidungen.“
Wandschneider war freilich fair genug, zuzugeben, „dass wir den Punktverlust zu einem guten Teil selbst verschuldet haben. Hätte unser Rückraum mehr Durchschlagskraft gehabt, hätten wir auch trotz der Schiedsrichter gewonnen.“ In der Tat ließ die Wurfquote einmal mehr zu Wünschen übrig. Bezeichnend, dass Dmytruszynski, der für gewöhnlich gar nicht im Positionsangriff spielt, mit vier Treffern bester Torschütze war. Die Experimente, die angeschlagenen Alex Koke und Máté Jósza einzuwechseln, „brachten leider das genaue Gegenteil“, räumte Wandschneider selbstkritisch ein, „es bringt halt nichts, Spieler einzusetzen, die eine Woche nicht trainiert haben.“
Im Training immer dabei war jedoch Adrian Pfahl. Doch der Linkshänder scheint derzeit gedanklich irgendwo anders (vielleicht bei einem Erstligisten?) als beim „Unternehmen Aufstieg“ des TSV zu sein. Mit gerade mal einem Dutzend Toren wirkte er schon in den voraufgegangenen drei Partien seltsam uninspiriert, der Auftritt in seiner schwäbischen Heimat grenzte an Arbeitsverweigerung. „Mit ihm müssen wir dringend reden“, kündigte Wandschneider an. Am besten noch vor dem Zweiten Weihnachtstag, denn da ist der TSV beim TV Hüttenberg (Anwurf 17 Uhr) zu Gast.
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