Neuss (NGZ). Neuss Theater - das bedeutet nicht nur auf seinem Platz sitzen, einer Inszenierung zu folgen und danach unbeteiligt wieder nach Hause gehen. Theater beinhaltet viel mehr: Bewusst machen, Anregen zum Nachdenken und aktiv werden. Einer, der dafür gesorgt hat, dem Theater all’ diese Bedeutungen zu geben, ist der Brasilianer Augusto Boal. Jetzt war der berühmte Theaterpädagoge, Regisseur und Autor für ein Seminar am Off-Theater nrw zu Besuch.
Drei Tage lang vermittelte er 32 Teilnehmern seine Methoden hautnah und erprobte sie mit ihnen. Bereits in den 1970er und -80er Jahren entwickelte Boal Formen des Theaters und spezielle Techniken, die heute fester Bestandteil der Theaterpädagogik sind - darinter das „Forumtheater“, in dem eine Szene präsentiert wird, die unbefriedigend endet, von den Zuschauern weitergespielt werden soll und sich durch ihre Lösungsansätze völlig verändert.
„Im Mittelpunkt steht die Beteiligung des Zuschauers. Er soll aktiv werden, indem etwa eine Szene stoppt und er zeigen soll, wie es weitergehen könnte“, erklärte Dr. Jürgen Weintz, der mit Boal schon häufiger zusammenarbeitete und ihn jetzt nach Neuss eingeladen hat.
Für Boal, inzwischen 77 Jahre alt, aber immer noch mit viel Elan bei der Sache, stellt gerade das offene Programm das Spannende an der Arbeit mit den Seminar-Teilnehmern dar. „Es wird ganz viel ausprobiert und experimentiert“, erzählte er. Seit etwa etwa Jahren begleitet ihn sein Sohn Julien bei den Reisen rund um den Erdball. Neben der Vermittlung der theaterpädagogischen Techniken haben die beiden aber auch ein politisches Anliegen.
In der Heimat Brasilien erreichte Boal die Anwendung des legislativen Theaters, das sich aus den so genannten Volkstheater-Fabriken entwcikelte.nahm. „Dabei werden auf der Bühne Lösungen erprobt, die häufig in der Politik umgesetzt wurden. Die Kunst ist dadurch ein wichtiges Instrument geworden“, erklärte Weintz. Dabei entstand auch das Programm „Cultura Viva“, bei dem Straftäter durch Theaterspielen eine Stimme erhalten. Ähnliche Projekte gibt es auch in Psychiatrien, Krankenhäusern und Schulen.
Die Seminarteilnehmer, alle Pädagogen, die selbst mit den Techniken arbeiten, sind sich der Tragweite von Boals Arbeit bewusst. „Es geht um mehr als nur Theater. Was wir mit ihm selbst erproben, ist eine Aktualisierung seiner Methoden und wir erleben außerdem die Essenz eines Lebenswerkes“, sagt Teilnehmer Professor Daniel Feldhendler. Auch Sabine Gottschalk ist von Boal begeistert: „Die Arbeit mit ihm ist sehr inspirierend und bereichernd. Die Übungen sind spielerisch, haben aber eine innere Bedeutung.“
Eine Würdigung von Boals Arbeit: der Vorschlag für den Friedensnobelpreis.
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