Neuss (NGZ). Neuss (drei) Experimentieren kann nicht nur spannend sein, sondern auch äußerst erfolgreich. Und genau das macht es für Günter Simon so interessant. „Wenn man nicht mal etwas ausprobiert, können auch keine positiven Ideen entstehen“, ist sich der 59 Jahre alte Lehrer der Heinrich-Böll-Schule sicher, der im vergangenen halben Jahr den Schulalltag seiner neunten Klasse einfach mal etwas umgekrempelt hat.
Das hat seinen guten Grund: Im Geschichtsunterricht stand die Zeit des Nationalsozialismus auf dem Stundenplan, ein Thema, das den Jugendlichen heute oft nur schwer zu vermitteln ist.
„Ich habe mir dann das Projekt ,Gebe der Geschichte ein Gesicht’ überlegt“, erklärt Simon, „und habe das an jüdischen Jugendlichen aus Neuss aufgehängt.“ Damit wollte der Klassenlehrer der 9b den emotionalen Aspekt mit einfließen lassen und den Jugendlichen klarmachen, dass es auch sie damals hätte treffen können.
Und das konnten die 16 und 17 Jahre alten Schüler, von denen zwei Drittel einen Migrationshintergrund haben, zuletzt quasi hautnah nachfühlen, als sie am Montag und Dienstag das Konzentrationslager in Bergen-Belsen besuchten. „Manche von ihnen waren sehr bedrückt“, erzählt Günter Simon, der Ähnliches bei einem zweitägigen Ausflug nach Amsterdam erlebte, als er mit der 9b das Anne-Frank-Haus und eine Synagoge besuchte.
„Als wir anfingen, das Thema zu bearbeiten, fragten die Schüler immer, wieso sich die Jugendlichen damals nicht gewehrt haben, als sie abgeführt wurden“, sagt der Geschichtslehrer. „Hinterher konnten sie dann verstehen, dass sie einfach keine Wahl hatten.“
Durch solche Erfolge ist für Simon nach einem halben Projektjahr bereits klar, dass es sich lohnt, auch mal vom klassischen Lehrplan abzuweichen. Schließlich müsse man die Schüler da abholen, wo sie sind.
„Wir haben mit einer Führung in der Stadtbücherei und Arbeiten im Stadtarchiv mit Dr. Annkatrin Schaller angefangen, haben uns dann den Zug der Erinnerungen angeguckt und einen Vortrag von einem Zeitzeugen gehört“, erzählt Simon, der neben der Unterstützung auch großes Lob vom Leiter des Stadtarchivs, Dr. Jens Metzdorf, erhält. „Dieser ganzheitliche Ansatz und der persönliche Zugang sind wirklich klasse. Und es fließen auch die heute wichtigen Themen Integration und Antisemitismus mit ein.“
Allerdings fordert so ein Projekt auch viel Eigeninitiative - und eben Experimentierfreudigkeit. „Ich habe in diesem Jahr auch den Unterricht anders organisiert“, erklärt der Klassenlehrer der 9b, „und die Fächer blockweise unterrichtet, da die Schüler sich dann viel intensiver mit den Themen beschäftigen.“
Um die Finanzen für die beiden Reisen - immerhin knapp 6000 Euro - hat er sich privat gekümmert, weil er auch den sozial schwächeren Schülern die Teilnahme ermöglichen wollte. Neben dem Kulturamt unterstützten mehrere Stiftungen und Fonds das Projekt, das aufgrund der positiven Resonanz auch im nächsten Schuljahr weitergeführt werden soll.
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