Neuss (NGZ). Neuss Was mag dem amerikanischen Soldaten wohl durch den Kopf gegangen sein, nachdem er die Briefe gelesen hat, die deutsche Frauen in den 30er und 40er Jahren an Adolf Hitler geschrieben haben?
Beim Streifzug durch die zerstörte Reichskanzlei waren dem Offizier W. C. Emker Tausende von Briefen in die Hände gefallen, etliche davon mit Liebesbezeugungen aller Art.
Das hat er allerdings erst später festgestellt, als er wieder zurück in Amerika war. Und noch sehr viel später hat er sie veröffentlicht, um die Frauen, die überlebt haben, nicht zu diskreditieren. Erst 1994 erschien das Buch „Liebesbriefe an Adolf Hitler - Briefe in den Tod“. Denn das bedeuteten sie wohl für sehr viele der Schreiberinnen; sie wurden deportiert und starben.
Kann man die Lesung dieser gleichmaßen erschütternden wie grotesken Briefe in eine Revue packen? Johann Wild riskiert es und hat für seine Produktion im Theater am Schlachthof eine „Cabaret“-Situation kreiert.
Das Bühnengeviert ist mit silbernem und roten Stoff ausgekleidet und mit bunten Glühbirnen umrahmt, eine Showtreppe mit leuchtenden Lämpchen steht in der Mitte, und das ganze ist die Plattform für eine Conferenciere im Sally-Bowles-Stil (Ilva Melchior) und deutschen Frauen aller möglichen Art (Melanie Kleinsorg, Ana Maria Gonzalez, Carolin Stähler).
Und es funktioniert. Bis auf wenige Ausnahmen, wo der Regisseur zu viel will und das Lesungselement überfrachtet, gerät die Revue „Liebesbriefe an Adolf Hitler“ zu einem beklemmenden und gleichzeitig amüsierenden Abend. Das ist auch den Leistungen der vier Schauspielerinnen zu verdanken.
Ilva Melchior gibt ihrer Conferenciere etwas Diabolisch-Durchtriebenes, erdet auf angemessen ätzende Weise mit den von Wild verfassten Kommentaren die schwärmerischen Inhalte der Briefe in der nationalsozialistischen Realität: „Was war schon die Reichskristallnacht vergangenes Jahr! Hauptsache kuscheln!“ Oder: „Dem Führer Blumen zu Füßen legen?
Am besten eine weiße Rose!“ Die von Musiker Andreas Steffens wunderbar verfremdeten, von Melchior ebenso wunderbar vorgetragenen Durchhalteschlager sind dabei das Sahnehäubchen. Das trocken präsentierte „Nur nicht aus Liebe weinen“ etwa trieft vor Sarkasmus; „Kleiner Mann, was nun?“ karikiert mit spieluhrähnlichen Tönen jegliche Verharmlosung.
Und dann die Texte. Für sich gelesen dokumentieren sie zweifellos erschreckende Naivität, maßlose Verblendung und einen abstoßenden Hang zur Vergötterung eines Menschen, dem andere nichts galten. Sie sind ein trauriges Zeugnis für den Erfolg der nationalsozialistischen Propagandamaschine: Dem Wohlbefinden des Führers galt das ganze Streben.
Wie auch immer die Charaktere der Breifschreiberinnen beschaffen gewesen sein müssen - Wild und seine drei Darstellerinnen haben sich einen eigenen Reim darauf gemacht.
Sie interpretieren die Text, dass mal eine verklemmte Zopfträgerin vor uns steht, die mit pathetischer Stimme Selbsgedichtetes deklamiert; mal eine Tragödin, die sich am eigenen Text begeistert; mal ein heulendes Elend, weil das „Purzelchen“ trotz mehrfacher Einladung sich einfach nicht sehen lässt; mal die politisch Interessierte, die ganz ins nationalsozialistische Feindbild eingetaucht ist.
Das ist zum Lachen und Weinen gleichzeitig, lässt sich selten damit entschuldigen, dass da ein paar Frauen einfach nur durchgeknallt sind. Die Liebesbriefe sind von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten geschrieben worden.
Die Tochter aus gutem Hause war ebenso dabei wie die einfache Soldatenehefrau. In ihrer Vergötterung Hitlers unterscheidet sie nur die Art der Sprache. Die Eine belässt es bei einem respektvollen „innigst geliebter Führer“, die Andere richtet sich an den „Herzensadolf“.
Einen Namen trägt keine von ihnen. Denn die von Stähler, Gonzalez und Kleinsorg repräsentieren Frauen sind weniger Individuen als vielmehr Typen. Bis hin zu jenen, die innerlich mit Inbrunst und Stolz die Nazi-Uniform tragen. An diesem Punkt hat die Inszenierung denn auch ihren Schwachpunkt. Wild kleidet die drei Darstellerinnen in Uniformen (die Kopfbedeckungen markieren die Ränge) und lässt sie teilweise stakkatomäßig (Achtung: Assoziation Schnellfeuergewehr!) die Texte sprechen.
Was wohl als Höhepunkt wohl gedacht war - eine Kakophonie von Wörtern, als die Drei gleichzeitig aus ihren Briefen lesen - ist dann doch nur eine arg platte Anspielung auf das Ende. Der ansonsten fein abgestimmte und dramaturgisch geschickt aufgebaute Abend hätte es nicht gebraucht.
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