Neuss (NGZ). NEUSS Vicky Leandros polarisiert. Ob die 54-jährige Schlager-Chanteuse nun in Musiknoten gefasste Sehnsucht vertont, oder ob ihr Repertoire vor naivem Kitsch mit Kalkül überkocht - darüber streiten sich die Gelehrten seit ihrem ersten Grand Prix-Sieg 1972.
Im Rahmen ihrer laufenden Weihnachtstour war die gebürtige Kreterin in der Stadthalle zu Gast, und Vasiliki Papathanassiou, so ihr bürgerlicher Name, ließ sich auch in ihrem 30. Bühnenjahr nicht lange bitten. Nach einem kurzen einleitenden Instrumental stolzierte sie auf die weihnachtlich geschmückte Bühne und präsentierte sich in bestechender Form.
Das tief geschlitzte schwarze Glitzerkleid perfektionierte den Prototyp einer klassischen Diva, und auch rein stimmlich war die Sängerin trotz ihres Alters voll auf der Höhe. Auf hohem Niveau agierte daneben ihre sechsköpfige Stammband, die sich ausnahmslos aus singenden Multi-Instrumentalisten und Profimusikern rekrutierte. Obwohl die Gitarre immer mal schnell gegen die griechische Bouzouki ausgetauscht werden musste, agierte die Gruppe bei kristallklarem Klang sensibel und abwechslungsreich.
Nach Selbstbeweihräucherung roch hingegen ihr eigenes Karriere- Resümee: Dass die Leandros einst in Paris mit Jacques Brel und Michelle Legrand an Liedern feilte und das der Grand Prix-Hit „Après toi“ für sie „Türen und Tore im Ausland öffnete“ - echte Fans wissen so etwas ohnehin. Eine handfeste Überraschung folgte dagegen mit einem Gastspiel des Further Kinderchors der St. Josef-Gemeinde: 16 Mädchen zwischen sechs und 12 Jahren und ein einziger Junge unterstützten die Sängerin bei den traditionellen Weihnachtsliedern „Oh du fröhliche…“, „Stille Nacht“ und „Leise rieselt der Schnee“.
Eine waschechte „Last Minute“-Veranstaltung - gerade eine Woche vor dem Konzert sei die Anfrage gekommen, verriet Chorleiter Guido Harzen. „Gott sei dank waren das Sachen, die die Kinder eh gelernt haben“, so der Kantor der St. Josef-Pfarre. Auch wenn es am Applaus für die Lebefrau nun wirklich nicht mangelte - stehende Ovationen und Blumenstrauß vom Fan eingeschlossen -, nicht jeder der 250 Gäste war aus dem Häuschen. „Ein vorweihnachtliches Konzert stelle ich mir anders vor“, kritisierte etwa Bernd Hanke, der mit Ehefrau Anita aus Grevenbroich angereist war und Vicky Leandros nun zum zweiten Mal live erlebte. „Nur vier, fünf Weihnachtslieder sind mir etwas zu wenig.“
Zur Ehrenrettung der griechisch, französisch, englisch und deutsch singenden Schlager-Ikone: Ein allgemein zufrieden stellendes Set mit Pflichtklassikern, frischem Material und Sonderprogramm - das fällt wohl jedem lang gedienten Künstler schwer.
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