Special (NGZ). Neuss Auch bei Ihnen ist es so: Da gibt’s noch diesen kauzigen Onkel in der Familie und diese altjüngferliche Tante (Mode seit der Jugend unverändert, mit Haustier als Partnerersatz und Freude am Häkeln). Der Onkel könnte Fred oder Erwin heißen. Die eigenbrötlerische Tante - sie füllt große Säle: Marlene Jaschke (dargestellt von Jutta Wübbe).
Walking mit Zuschauern
Bei der Premiere ihres dritten Soloprogramms „Verflixt nochmal“ in der fast ausverkauften Neusser Stadthalle konnte Komödiantin Jutta Wübbe erst nach zwei Zugaben mit Thermoskanne und Handtasche die Bühne verlassen. Bis dahin schmunzelte das Publikum aus dem Rhein-Kreis und Umgebung über absurde Alltagserlebnisse aus Frau Jaschkes kleinem Leben: von der unerfüllten Liebe zu Kollege Siegfried über den Tod des geliebten Wellensittichs Waltraud bis hin zu Freundin Hannelore, die in den Wechseljahren und schön operiert „noch mal ganz von vorn anfangen will“.
Der zweite, deutlich stärkere Teil des Programms entschädigte für den teils zähen Auftakt. Wenn auch die treuen Marlene-Anhänger viele Pointen vorausahnten („Pass auf, gleich setzt sie sich hin!“) und schon vorsorglich glucksten. Unübertroffen: die Harmonie aus Sprache, Gestik und Mimik - bis hin zur Ausstattung. Nur mit einer Satzpause bringt Wübbe den Saal zum Kochen. Wenn Frau Jaschke im bieder-beigen Kostüm, mit roter Schluppenbluse und rotem Kompotthut sowie klobigen Schuhen umständlich und mit paradoxen Bewegungen in ihren rotem Cocktailsessel sinkt (überraschend, dass dies ohne Knochenbrüche gelingt): Dann brennen Lachtränen in den Augenwinkeln.
Jutta Wübbe
Mit der Verkörperung der schrulligen Marlene Jaschke gelang der Hamburgerin Jutta Wübbe 1987 der Durchbruch in der deutschen Comedy-Szene. Die 1955 geborene Wübbe hatte eine Lehre als Bankkauffrau gemacht, war von der Sachbearbeiterin in der Kreditabteilung der Hamburger Sparkasse zur Finanzbuchhalterin bei den Hamburgischen Elektrizitätswerken (HEW) aufgestiegen. 1985 schloss sie sich einem Clown-Workshop an - der Anfang von ihrem Leben im Straßentheater. Marlene Jaschke entstand im Rahmen von André Hellers „Luna Luna“, wurde zur Kultfigur , als sie mit Lilo Wanders die „Schmidt“-Mitternachtsshow des Norddeutschen Rundfunks zu moderieren begann. 1991 wurde Jutta Wübbe mit dem Deutschen Fernsehpreis TeleStar und dem begehrten Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.
„Verflixt nochmal“ passt auf Marlene Jaschkes Leben: 23 Jahre lang hat sie heimlich den Kollegen Siegfried verehrt, hat gewartet und gehäkelt („80 Topflappen pro Jahr, Schoner für jede Toilettenpapierrolle und Platzdecken für jeden Gegenstand in ihrer Wohnung“. Ihr Fazit: Kein Mann, aber ein „richtig gemütliches Heim“.
Urkomisch: ihr Besuch von Verdis „Macbeth“ - mit neuem Hut („Der alte muss ja auch mal lüften, den trag ich ja Tag und Nacht“). Angeregt plaudernd erreicht sie ihren Platz - und ein Streit mit der hinter ihr sitzenden Zuschauerin lässt sie Lady Macbeths Arie schmettern. So viel Leidenschaft ist unter dem roten Hut verborgen, dass Frau Jaschke sogar zur feurigen Zigeunerin Carmen wird. Kein Wunder, dass sie für die depressive Freundin Hannelore unverzichtbar ist: Ob bei Kursen wie „Kräuterkränze binden im Stehen“, „Sing wie du fühlst“ oder „Yoga mit Dr. Sutra, Vorname Heinrich“.
Mit Abstechern ins Publikum zu den Kindern (für sie das „Elefantenlied“) und zu Partnern für sportliche Aktivitäten (Walken, Vierfüßlerstand) sicherte sich Jutta Wübbe alle Sympathien. Verflixt gut, die Frau.
Auftrittstermineim Netz unter „www.konzertbuero-emmert.com“.
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