Neuss (NGZO). "Ein festes Fundament": Ensemble Gothic Voices gastiert im Rahmen einer WDR-Reihe im Quirinusmünster.
"Noch ein Stein mehr, und die Erde fängt wieder an zu kriechen. Es ist kein Fundament vorhanden." Und doch siegt die Vision über das Visiergerät, triumphiert Inbrunst über alle sachkundigen Bedenken. William Goldings Roman "der Turm der Kathedrale" (von Salisbury) veranschaulicht die Baukunst des Mittelalters als eine "Figur des Gebets" im Ringen mit irdischer Materie, begleitet vom "Singen der Säulen". Dort warnt es vor Hochmut und Einsturz – im Quirinusmünster schienen beim Konzert mit dem Ensemble Gothic Voices die Steine zu singen, um die Symbiose von mittelalterlicher Architektur und Musik aus der Entstehungszeit der bedeutenden Emporenbasilika fühlen zu lassen.
Unter dem Titel "ein festes Fundament" führten Catherine King (Mezzosopran), Julian Podger, Leigh Nixon (Tenor) und Stephen Charlesworth (Bariton) die Zuhörer durch den musikalischen Raum jener Epoche. Sie sangen Kompositionen der großen Mystikerin Hildegard von Bingen im Wechsel mit Werken anonymer Komponisten des 12. und 13. Jahrhunderts. Die vier ausgewiesenen Spezialisten eröffneten mit Hildegards Sequenz "Columba aspexit" und unterstrichen durch Kreuzformation auf den Altarstufen den religiös-visionären Ausdruck dieser Tonarchitektur. In kühnen Intervallen schraubt sich die Solostimme wie ein Vogel in den Himmel, erst frei, dann gehalten vom Bordun der Unterstimmen. Bald verhalten, bald gleißend formte Catherine King das Sequenzmaterial; die männlichen Stimmen bildeten dazu einen effektvollen Kontrast aus instrumentalen Farben.
Wie wagemutig sich Hildegards Musik über ihre Zeit hob, machten die ausgewiesenen Spezialisten in ihren individuell ausgestalteten Sequenzen, Hymnen oder Antiphonen hörbar. Ein Höhepunkt auch sängerischer Darstellung war darin "O viridissima virga" (Stephen Charlesworth). Die vier Gothic Voices, die sich trotz sehr unterschiedlicher Klangfarben im Ensemble mischen, verliehen auch den anonymen Werken Profil. Die archäologisch-detektivische Beschäftigung mit Überlieferungen, Traktaten und Vermutungen lassen sie die Zuhörer bei dieser Verlebendigung alter Musik nicht spüren. Aber sie erläuterten singend einen musikalischen Raum und seine allmähliche Erweiterung durch neue Elemente wie vielfältigere Rhythmik oder echte Mehrstimmigkeit. Die vierstimmige Motette "Super te Ierusalem" beschloss dieses Konzert der WDR-Reihe "Alte Musik in NRW" – das Ensemble Gothic Voices übersetzte ihre Komplexität wie das freudig erregte Öffnen einer Tür, die die Aussicht auf neue Visionen freigibt.
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