Neuss (NGZO). Der 51-jährige Joachim P. Harms hat ein erstaunliches Lyrik-Debüt hingelegt: "seziert vom licht" heißt der schmale, höchst lesenswerte Band mit 33 Skizzen des Managers über das Leben.
Neuss/Düsseldorf Mit Euphorie soll man in literarischen Dingen sparsam umgehen. Man weiß ja nie, was noch kommt. Und ob das, was man gelesen, tatsächlich so gut ist, wie man es im stillen Kämmerlein empfunden hat. Alles Quatsch, das heißt: Der Düsseldorfer Joachim P. Harms, schon 51 Jahre alt und im Hauptberuf komischerweise Manager beim US-amerikanischen Konsumgüter-Hersteller Johnson & Johnson (seit einem Jahr mit Arbeitsplatz in Rosellen), hat jetzt ein wirklich tolles Lyrik-Debüt hingelegt. "seziert vom licht" heißt es, ist aber gar nicht so verschwiemelt und esoterisch wie so manches Druckwerk aus diesem Genre.
Machen wir uns nichts vor: Mit Lyrik kann man hierzulande nicht allzu viele Leser und vor allem keinen Blumentopf gewinnen. Reich wird man also nicht, weshalb jenen, die sich ernsthaft und leidenschaftlich in Versen ausdrücken, wirklich etwas auf der Seele liegen muss. Niemand dichtet, weil das Fernsehprogramm gerade mies ist, sondern weil er dichten muss. Harms tut es intensiv und sehr bewusst seit acht Jahren. Zunächst als eine Art Ausgleich zum Job, wie er sagt. Bald aber ist es eine Notwendigkeit geworden, eine Ausdrucksmöglichkeit, neue Antworten auf alte Fragen zu finden.
Erstaunlicherweise ist Harms – nach diversen Einzelveröffentlichung in Anthologien – mit seinem ersten Buch bereits so professionell, dass solche Sinnsuche dem Leser überhaupt nicht aufgedrängt wird. Sogar das nahezu unvermeidliche lyrische Ich lugt selten oder nur ganz dezent zwischen den Versen hervor. Harms ist ein zurückhaltender Lyriker, seine Weltsicht ist impressionistisch, nie missionarisch. Nur wenig Selbstbespiegelung findet sich in seinen Gedichten, die etwas unsicher als "lyrische Skizzen" betitelt und schlicht durchnummeriert sind.
Der Grundton der 33 Skizzen ist – natürlich – melancholisch; aber sie sind von einer Gelassenheit getragen, die nichts Wehleidiges an sich hat. Harms erzählt in Metaphern seine Geschichten vom Leben, das von Waschbeton umzingelt ist oder sich bestenfalls in die Natur verirrt. Und selbst dort wartet kein Heil: "eine säge im wald greift in die stille".
Das ist der Ton, so nah an der Prosa, dass man glaubt, die Skizzen und Fragmente einfach so lesen zu können. Bis ein Verb oder ein trickreicher Zeilensprung dem Leser ein Beinchen stellt und zu sorgsamer Lektüre auffordert: zurück zu Zeile eins also. Und es gibt viele Motive, die den Band zusammenfügen und mit roten Fäden durchziehen: kühle Neubauten, die Teerpappe als Landeplatz für Tauben, die Unruhe, die in den Häusern aus Stein wohnt. Harms, auch dies ein Zeichen literarischer Reife, kommt nie in die Versuchung, seine Lyrik mit gelegentlichen Pointen zu würzen, die am Ende dann als einzige Zutat in Erinnerung bleiben. Er setzt aufs Gegenteil und lässt seine Skizzen zum Ende hin zerfließen: Sie vertröpfeln ein wenig und deuten damit an, dass Schlussworte immer verlogen sind.
Wie jeder gute Lyriker ist Harms ein Beobachtungsfetischist, ein Voyeur des Alltags. Je genauer man schaut, desto mehr Details sieht man. Und hat man dann alle Details beieinander, staunt man doch, wie wenig es letztlich immer vom Gesamtbild, von der Totalen bleiben muss. Das Skizzenhafte ist in diesem Sinne das Menschliche. Kein Grund für den Dichter – der vor seiner Manager-Existenz Pharmazie und Mathematik studierte –, in Trübsal zu verfallen. Aber es ist Antrieb genug, nach neuen Worten und weiteren Fragmenten zu suchen.
So steht fast folgerichtig am Ende dieses sehr schönen und vom Lyrikverrückten Anton G. Leitner herausgegebenen Bandes ein höchst unvollkommenes Selbstbildnis: "mit wenigen strichen holzschnitt mein leben trägst du zusammen splitter liest du vom boden ein mosaik: erfahrung mein bild zittert im spiegel verschwimmt."
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