Die Jungs gaben richtig Gas (NGZO). Plötzlich standen sie auf der Bühne und legten los: Die Krautrock-Legende "Birth Control" begeisterte das Publikum im Greyhound Pier 1 mit verblüffenden Einfällen und ohne Verschnaufpausen.
Um Punkt 22 Uhr am Freitagabend war es soweit: Vier Musiker nahmen ihre Plätze auf der Bühne ein und begannen zu spielen. Das war so unspektakulär, dass in den hinteren Reihen gerätselt wurde, ob es sich nun schon um den Hauptakt handele, oder ob noch eine zweite Vorband im Programm sei.
Doch tatsächlich: "Birth Control" hatte klammheimlich die Bühne des Greyhound Pier 1 erobert und legte einfach los – ohne Verspätungen und Verzögerungen, ohne lange Begrüßungsreden und eben auch, ohne sich schon vor der ersten Kostprobe ihres Könnens feiern zu lassen. Langsam wendeten sich nun auch die letzten durstigen Fans, die noch auf ihr Bier warteten, der Bühne zu. Dort waren Bernd "Nossi" Noske, Schlagzeuger, Sänger und Kopf der Truppe, Gitarrist Peter Engelhardt und die nicht mehr zur Originalbesetzung zählenden Sascha "Sosho" Kühn, der für den unverwechselbaren Keyboardsound sorgte, sowie Bassist Hannes "Cyborg Haines" Vesper bereits voll in ihrem Element.
Birth Control
Zu den Gründungsmitgliedern der Band, zu der sich 1968 die Musiker zweier Berliner Bands ("Earls" und "Gents") zusammengeschlossen hatten, gehört auch Hugo Egon Balder. Die Band profilierte sich zunächst mit Coverversionen vor allem von Songs von Julie Driscoll. 1972 kam mit "Hoodoo Man" der Durchbruch.
Die Verunsicherung im Publikum war nach dem ersten Song wie weggeblasen, tosender Applaus brandete auf, wann immer die vier Musiker ihren Gästen Zeit dafür ließen, denn größere Pausen für Beifallsbekundungen ließen sie in ihrer Spielfreude gar nicht erst aufkommen. Ob Gitarre, Bass, Keyboards oder Schlagzeug, einer hatte immer noch ein paar Einfälle extra parat und verschaffte seinen Bandkollegen so die Möglichkeit, kleinere Verschnaufpausen einzulegen, oder sogar auch mal ein Bier zu besorgen, ohne dass die Soundkulisse merklich darunter zu leiden hatte. Dabei stach wieder einmal Bernd Noske ganz besonders hervor, der in solcher Weise auf seinem Schlagzeug herumwirbelte und dabei ein Percussion-Gewitter auf den Saal losließ, das jede Samba-Band vor Neid erblasst wäre.
Doch damit nicht genug. Denn Noske ist eben zugleich auch Sänger und bringt es fertig, bei seinen unermüdlichen Schlagzeugeinlagen immer noch genug Luft in den Lungen zu behalten, um auch gesangstechnisch in die Vollen zu gehen. Für die meisten Gäste galt dies allerdings nicht ganz. Die wogten sanft im Takte der Musik, während einige wenige Vertreter der Generation U30 etwas mehr Gas gaben.
Mehr wäre jedoch auch gar nicht nötig gewesen, denn was Birth Control auf die Bühne zauberten war eher zum Zuhören und Genießen geeignet und fast schon zu schade, um es einfach "wegzutanzen". "Das ist unsere Musik aus unserer Zeit", schwärmte Wolfgang Süß, ein Fan, der extra aus Wuppertal angereist war. Und auch die Band zeigte sich sehr zufrieden mit der Stimmung: "Es war richtig geil", meinte Bernd Noske bei der verdienten Zigarette danach.
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