Neuss (NGZ). Neuss Geht nicht, gibt’s nicht. Punkt. Wer jetzt Zweifel hegt, war noch nie im Cirque du Soleil. Die gut 2500 Premierengäste der Inszenierung „Dralion“, die am Donnerstag Abend im Chapiteau an der Hansastraße im Neusser Hafen vom Publikum mit jubelndem Applaus gefeiert wurde, gehören nun zum Kreis der Eingeweihten.
Sie haben atemlos gestaunt, mit Herzklopfen zugeschaut und immer wieder daran gezweifelt, dass das, was sie sehen, tatsächlich von Menschen „gemacht“ wurde. Ist’s möglich? Ja, es ist möglich!
Die internationalen Artisten der 1999 in Montréal uraufgeführten Zirkusshow „Dralion“ kommen aus elf Ländern, darunter Argentinien, Brasilien, den USA, Russland und Kanada. Sie zeigen, dass der Mensch mit seinem Körper durch intensives Training, Kreativität und höchste Selbstdisziplin nicht nur Kunststücke, sondern fast schon Wunder vollbringen kann, die dem Betrachter Ehrfurcht abringen.
Insbesondere die mehr als 30 chinesischen Akteure bezaubern und begeistern vom ersten Augenblick an. Sie setzen den sich durch das Programm ziehenden asiatischen Akzent, der vor allem in der Nummer „Dralions“ sichtbar wird, bei der chinesische Fabelwesen die Bühne bevölkern.
Doch schöpft die gesamte Schau im Prinzip aus weltweiten kulturellen Einflüssen und den artistischen Traditionen der Herkunftsnationen ihrer Mitwirkenden, die zu den besten Artisten der Welt gehören.
Der mit unglaublicher Präzision gezeigte Balanceakt der jungen Wang Junru setzt gleich zu Beginn der Vorstellung Maßstäbe. Sie stützt sich ab auf einem Arm - und verharrt so eine kleine Ewigkeit, während der sie in würdevoller Eleganz und Geschmeidigkeit ihren Körper bewegt.
Das Schwierige als kinderleicht erscheinen zu lassen, gehört zu den Geheimnissen der Zirkuskunst. Am Doppeltrapez passierte gestern aber ein Missgeschick, dass die Zuschauer für einen Moment regelrecht schockierte und in Schrecken versetzte: Bei dem Versuch eines mehrfachen Saltos verfehlte eine Artistin die Hände ihres Partners knapp. Glücklicherweise war sie durch ein Drahtseil gesichert, so dass Schlimmeres verhindert werden konnte. Eine - wenn auch aufwühlende - Randnotiz in einer ansonsten gelungenen Show.
„Dralion“ tritt den Beweis an, dass Artisten es schaffen, die sprichwörtlichen Wände hochzulaufen und wie Tiger durch Reifen zu springen, auf Glühbirnen stehend nicht das Gleichgewicht zu verlieren, meterhohe Bambusruten in der Senkrechten zu halten und einen Pas de Deux in luftiger Höhe zu zelebrieren. An blauen Bändern schweben Claudel Doucet und Igor Arefiev und interpretieren poetisch-gefühlvoll das ewige Thema von Liebe und Zuneigung.
Doch all das würde nur halb so beeindruckend sein, wenn es die „Story“, die Geschichte dahinter nicht gäbe. Die die Möglichkeiten des Raumes voll ausschöpfende Choreographie basiert auf der Idee des Mit- und Gegeneinanders der vier Elemente - Luft,Erde, Feuer und Wasser. Sie werden durch phantasievoll gekleidete Tänzer symbolisiert.
Die vier Elemente sind das bestimmende Moment; in logischer Konsequenz werden damit alle Artisten je nach Art der Darbietung zu ihren Gefolgsleuten. Ein Zusammenhang, der durch Farbe und Aussehen der Kostüme und eine entsprechende Maskierung unterstrichen wird.
Entscheidend für den faszinierenden Gesamteindruck ist dabei nicht zuletzt die Beleuchtung und die live gespielte Musik samt Gesang (Agnès Sohier und Calvin Braxton), auf welche die einzelnen Auftritte abgestimmt sind. Die Takte von Keyboards, Trommeln, Blas-, Zupf- und Streichinstrumenten gehen in die Körper über, Bewegung und Melodie verbinden sich wie selbstverständlich zu einer Einheit.
Eine ironische Brechung in diese perfekte Hightech-Performance vor futuristisch-kühlem Bühnenbild bringen Clowns, die nicht nur das „Warm-up“ vor Beginn der Vorstellung bestreiten, sondern auch nach zwei, drei Nummern immer wieder auftauchen, um ihren tollkühnen Schabernack zu treiben. Ein amüsanter Bestandteil des Programms, der sich aber so fundamental von dem Rest unterscheidet, das man sich fragen kann: Warum das?
Eine Integration der Spaßvögel erfolgt erst ganz am Schluss in einer witzigen Persiflage auf die gesamte Inszenierung. Das macht die Sache rund.
Am Freitag in der NGZ: Reportage zur Cirque du Soleil-Premiere
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