Neuss (NGZ). Neuss Seit zwei Jahren lebte er in New York. Hatte gerade mit seinem Erstling „Blauer Montag“ in seiner niederländischen Heimat einen grandiosen Überraschungserfolg, war dafür sogar mit dem renommierten Anton-Wachter Preis ausgezeichnet worden.
Aber in Big Apple arbeitetete Arnon Grünberg dennoch in einem kleinen italienischen Restaurant. Mit Lieferservice, der von zwei Jungen abgewickelt wurde. „Zwillingsbrüder, die nie etwas gesagt haben“, erzählt der immer noch New York lebende Autor, „aber sie hatte ich immer vor Augen, als ich Tito und Paul Andino schuf“.
Neun Jahre ist es jetzt her, dass der gebürtiger Amsterdamer die beiden Brüder zu einem gemeinsamen Ich-Erzähler in seinem Roman „Der Heilige des Unmöglichen“ verschmolzen hat. Neun Jahre, in denen der 36-Jährige längst mit zahlreichen anderen Romane („Der Vogel ist krank“ „Gnadenfrist“) seine Leser begeisterte, aber „Der Heilige“ ist erst jetzt in der deutschen Übersetzung auf den Markt gekommen.
Ist es nicht etwas seltsam, mit einem alten Werk, das für viele ein neues ist, auf Lesereise zu sein? „Nein“, sagt Grünberg, „ich würde ihn heute vielleicht anders schreiben, weil ich inzwischen ganz andere Sachen erlebt habe. Aber das bedeutet nicht, dass ich ihn nicht mehr gut finde.“
Dass die ebenso so rührende wie auch ein wenig traurig machende Geschichte von Paul, Tito und ihrer Mutter Raffaella auch seiner eigenen Gefühlslage nach zwei Jahren New York entsprach, mag der Autor nicht bestätigen. Eher hat er schon Beobachtungen und Erlebnisse mit anderen in seinem Roman verarbeitet, gibt jedoch zu, grundsätzlich während des Schreibens in einer „Realität zu leben, die man sich selbst erfindet“.
„Der Liebe wegen“ war der Autor 1995 als 24-Jähriger von Amsterdam nach New York gezogen, trotz des durchschlagenden Erfolgs von „Blauer Montag“. Aber Grünbergs komplette Biographie ist ohnehin bestimmt von ungewöhnlichen Entscheidungen. Mit 15 verließ er die Schule, „weil ich total unglücklich war“, erzählt er, „ich wollte kein Anwalt oder Zahnarzt werden.“ Und obwohl seine Eltern „total gegen diesen Schritt waren“, hat er sich durchgesetzt - und lobt seine Eltern noch heute dafür, dass sie ihn eben in diesem Vertrauen auf sich selbst erzogen haben.
Schauspieler ist er gewesen, hat Theaterstücke geschrieben und einen eigenen Verlag gegründet. Alles keine Tätigkeiten, die darauf schließen lassen, dass Grünberg als Jugendlicher schüchtern gewesen ist. War er aber, versichert er, „es fiel mir leichter, mich schriftlich auszudrücken“.
Als Autor griff er dabei auch schon mal auf ein Pseudonym zurück: Lange Zeit narrte ein nie zu sichtender, aber erfolgreicher Marek van der Jagt die Literaturszene - bis seine Identität mit Grünberg anlässlich einer Preisverleihung endgültig ans Licht kam. van der Jagt ist zwar Vergangenheit, sagt Grünberg, aber, so fügt er verschmitzt hinzu: „Es gibt noch Bücher von ihm, die noch nicht ins Deutsche übersetzt sind“.
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