Neuss (NGZO). KAB, KKV und Kolpingwerk: Katholische Arbeitnehmer-Organisationen gehörten seit dem 19. Jahrhundert zu den soziale Säulen der Industriegesellschaft. Jetzt drohen sie in der Bedeutungslosigkeit zu versinken – auch in Neuss.
Rhein-Kreis Neuss Ein kraftvolles Lebenszeichen sieht anders aus. Gerade einmal 120 Teilnehmer folgten dem Aufruf der katholischen Sozialverbände zum Sternmarsch aus Anlass des Quirinusjubiläums im Oktober, verloren sich auf dem Münsterplatz. "Da steht das letzte Aufgebot", formulierte wehmütig Dr. Heinz Günther Hüsch (80), langjähriger Kirchenvorstand an St. Quirin. Nachwuchsmangel, Mitgliederschwund, Überalterung, Bedeutungsverlust – der Erosionsprozess zehrt einst blühende Organisationen wie KAB, Kolpingwerk oder KKV aus. "Nur aus der Gruppe der sonntäglichen Kirchgänger können wir unsere Mitglieder rekrutieren", sagt Franz Bellenberg (76) vom KKV – und hierzulande kommen nur noch 15 Prozent der Katholiken der Sonntagspflicht nach.
Sprechstunde der KAB
Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) genießt das Privileg, seine Mitglieder auch rechtlich beraten und gegenüber Dritten vertreten zu dürfen. Jeden dritten Donnerstag (18 Uhr) halten sich Peter Tannebaum und Werner Uersfeld im Cariatashaus International, Salzstraße in Neuss, bereit. Zudem versuchen die KAB-Experten auch allen anderen Kreis-Neussern bei "allgemeiner Fragestellung" zu helfen. Sprechstunden sind ebenfalls an jedem dritten Donnerstag im Monat.
Peter Tanneberg (59) kennt die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) aus besseren Tagen. Anfang der 1980-er Jahre war der Dormagener Bezirkssekretär. Damals zählte die KAB im Kreisgebiet über 1500 Mitglieder, heute sind es noch 600 – etwas mehr als ein Drittel. Bei der Gründung 1877 stand KKV für Katholisch Kaufmännischer Verein, heute für "Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung". Rund 130 Mitglieder machen noch mit. Auch beim KKV bleibt nur die Erinnerung an bessere Zeiten. "Wir haben mit unseren Veranstaltungen den Saal der Bürgergesellschaft gefüllt", blickt Josef Schütz (74) mit Stolz zurück. Da war der längst verstorbene Albert Vellen der Vorsitzende.
Von dieser (Abwärts-)Tendenz bleibt auch das Kolpingwerk nicht verschont; gleichwohl sieht Dietmar Püllen aus Rosellen, der 41 Jahre junge Kreisvorsitzende, nicht nur schwarz. 450 Mitglieder, darunter über 40 Kinder, prägen das Leben in acht Kolpingfamilien. "Da geht noch was", sagt Püllen, der sich kämpferisch gibt: "Wir haben einen gesellschaftspolitischen Auftrag. In der Kirche und außerhalb. Dieser Auftrag ist so aktuell wie zuvor." Gegründet vom Gesellenvater Adolph Kolping (1813 bis 1865) engagiert sich das Werk für die Familien sowie in der Jugend- und Erwachsenenbildung – unter anderem in erheblichem Umfang auch in Neuss. Püllen fordert ein "starkes Profil mit Ecken und Kanten", gesellschaftliche Prozesse "dürfen uns nicht egal sein. Unsere Meinung kann und muss auch mal polarisieren."
Diese drei starken Säulen unter den katholischen Sozialverbänden wurden alle während der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet. 1850 schlossen sich Gesellenvereine zu einem Verband zusammen, der sich seit 1935 in Kolpingwerk umbenannte. Zielgruppe war vor allem das Handwerk. An die Industriearbeiter wandte sich die KAB, die auf Initiative des Mainzer "Sozialbischofs" Wilhelm Emanuel Ketteler aus dem Zusammenschluss von Arbeitervereinen entstand. Kaufleute und Selbständige bilden den Kern des heute bundesweit noch etwa 9000 Mitglieder zählenden KKV; in Neuss und Kaarst sind Ortsverbände noch relativ aktiv.
Längst haben die drei Organisationen ihre Zielgruppen-Ausrichtung aufgegeben und wenden sich an die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite. Sie sind ein Teil in der Hierarchie der katholischen Kirche und leben doch auch Ökumene.
Die Gründe für die Erosion der katholischen Sozialverbände sind vielschichtig. Püllen führt die gesellschaftlichen Veränderungen an. Nur wenige Menschen seien noch bereit, sich in einem Verein zu binden. Schütz sieht, dass christliche Werte in immer weniger Familien gelebt werden. Und Werner Müller (78), Senior der KAB aus Reuschenberg, macht aus, dass auch der Klerus das Interesse an der Arbeit der katholischen Sozialverbände verloren habe. Vor diesem Hintergrund ist die Hoffnung mit Msgr. Guido Assmann verbunden. Der Kreisdechant, zugleich Oberpfarrer an St. Quirin, engagiert sich als Präses des KKV. Bellenberg: "Ich habe große Achtung vor der Arbeit und der Leistung des Kreisdechanten."
Was ist zu tun? "Flagge zeigen", fordert Werner Müller. So beziehe die KAB weiterhin Stellung gegen die fortschreitende Liberalisierung der Ladenschlusszeiten und bekämpfe den Vormarsch der verkaufsoffenen Sonntage.
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