"Die Gelobte" (NGZO). Christine Hofer hat am Rheinischen Landestheater das Stück "Die Gelobte" von Xavier Durringer inszeniert. Ergebnis ist ein Theaterabend, der das Fühlen mit dem Denken verknüpft.
Es fällt ihr schwer, in dem Fötus ein menschliches Wesen zu sehen. Für Anna ist es nur "das Ding". Mitten im Krieg aus einer Vergewaltigung entstanden, wächst es im Bauch ihrer Tochter Luzia heran und entscheidet darüber, wie die Zukunft der Familie, zu der noch Sohn Daniel gehört, aussehen wird. Denn alles hängt davon ab, ob Luzias Verlobter Zeck, der aus dem Krieg heimkehren wird, den fremden Zuwachs aus dem Feindlager annimmt.
Anna liebt ihre Tochter, will ihr zur Seite stehen, aber letzten Endes dominieren ihre eigenen Bedürfnisse. So vielschichtig wie Anna sind alle Figuren in Xaver Durringers Stück "Die Gelobte" angelegt. Keine ist nur gut oder böse, aber jede ist gefangen in einem Gespinst aus Hoffnung und seelischen Verletzungen. Daran hält auch Christine Hofer in ihrer Inszenierung des Dramas am RLT fest – auch wenn die Regisseurin und ihre Dramaturgin Alexandra Jacob insgesamt recht frei mit dem Text umgehen, ihn an vielen Stellen straffen und vor allem in der Figurenzeichnung ganz eigen interpretieren.
Xavier Durringer
Durringer wurde 1963 in Paris geboren, wo er auch lebt und als Dramatiker, Drehbuchautor und Filmregisseur arbeitet. Mit Stücken wie "Ganze Tage, ganze Nächte" und auch "Die Gelobte" ist er weit über Frankreich hinaus bekannt und gilt als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Theaterautoren des Landes.
Das fällt vor allem bei Daniel auf, der bei Durringer die Verkörperung des gleichermaßen intellektuell-sarkastischen wie desillusionierten Pazifisten ist, aber von Hofer allzu sehr auf einen Freak reduziert ist. Den spielt Roman Konieczny allerdings mit Bravour. Daniel wie auch Anna sind eigentlich nur Randfiguren, aber wie Konieczny zeigt auch Hergard Engert als Anna in jeder Minute ihres Auftritts eine überaus starke Präsenz.
Vom Hoffen und Scheitern
Dreh- und Angelpunkte der Geschichte sind indes Luzia und Zeck. Von Christiane Nothofer und Henning Strübbe punktgenau gespielt als zwei Menschen, deren Hoffnung auf das Ende allen Elends auf den jeweils anderen projiziert wird. Zwischen ihnen steht – und nur für Luzia sichtbar – der Geist ihres Vergewaltigers mit Namen Ibrim. Stefan Schleue verkörpert sinnfällig die metaphysische Ebene des Stückes, die von Vergebung und damit vom Über-sich-selbst-hinauswachsen handelt. Erst Ibrims Anwesenheit macht aus dem Kind in Luzias Bauch einen Heils- und Hoffnungsträger, was am Ende Luzia zwar erkennt, aber auch ihr Scheitern nicht verhindert.
Hofer setzt beide Ebenen gleichberechtigt in Szene, findet zwar manches Mal Bilder, die die Feinheiten des Textes auch erschlagen, aber verknüpft mit bewusst gesetzten Brüchen in Spiel und Bild das Fühlen mit dem Denken.
Die Bühne auf der Bühne
Ausstatterin Irmhild Gumm hat ihr dafür im Sinne des Wortes eine Bühne auf die Bühne gestellt. Anna, Daniel, Luzia und Zeck bleiben fortwährend anwesend, stehen, wenn sie nicht spielen, mit dem Rücken zum Zuschauer an der Brandmauer, zeitweise in der Haltung von Gefangenen mit gespreizten Beinen und erhobenen Händen. Ein sprechendes Detail für die geradezu manische Verpuppung dieser Menschen, je mehr sie realisieren, dass alles in die Brüche geht.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport, Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder, Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.