Special (NGZ). Neuss „Sie trägt einen Rock, den kann man nicht beschreiben, denn ein einziges Wort wäre schon zu lang.“ Eine prägnante und klare Sprache, dazu Pointen, die oft humorvoll, nachdenklich, immer überraschend Gedachtes, Beobachtetes, Erfahrenes fast spielerisch in Sprache fassen, sind sein Markenzeichen: Ein Dichter ist Reiner Kunze und zwar einer, der sich selbst immer treu geblieben ist, auch wenn die Zeiten sich geändert haben. Unbequem war er immer, kein politischer Denker, aber ein eigener Kopf, ein Humanist mit Liebe zur Sprache und sensiblem Gespür für sie.
Vor 30 Jahren wurde sein Ausreiseantrag aus der ungeliebten DDR genehmigt. Im selben Jahr eröffnete Hildegard Müller, Inhaberin der Neusser Buchhandlung, ihr eigenes Buchgeschäft. Zur Feier ihres beachtlichen Geschäftsjubiläums präsentierte die engagierte Buchhändlerin am Freitag eine Lesung des Dichters Reiner Kunze in der Aula des Gymnasiums Marienberg.
„Was Ihnen jetzt bevorsteht, ist keine normale Lesung“ warnte der weißhaarige, sehr zurückhaltend und dezent wirkende Autor seine Zuhörer noch vor Beginn seiner Lesung: Passend zum Jubiläum werde er Teile aus einem Buch lesen, das vor 30 Jahren erschien, nämlich aus „Die wunderbaren Jahre“. Zudem werde er aus „Haus am Sonnenhang“ lesen, dem „Tagebuch eines Jahres“, das er vor 15 Jahren veröffentlichte, und schließlich aus „lindennacht“, einem gerade erst erschienen Lyrikband.
Ohrwurm
Vor dem Besuch der Aufführung mit Kindern sei gewarnt: Es kann passieren, dass Eltern danach tagelang nichts anderes mitsingen müssen als „Räuber halten zusammen“ ... Das Lied, zu dem Walter Kiesbauer die Musik komponierte, hat Ohrwurmqualitäten und wurde nicht ohne Grund den begeistert applaudierenden großen und kleinen Zuschauern bei der Premiere als Zugabe geboten.
So wurde die Lesung für die faszinierten Hörer, die bei jedem von des Dichters Worten so still waren, als würden sie den Atem anhalten, zu einer Reise durch die verschiedenen Schaffensperioden Kunzes, bei der vor allem der ebenso prägnante wie pointierte Stil sich als Kontinuum und Charakteristik erwies. Dabei bildete ebenso Nachdenkliches wie auch Amüsantes aus den Begegnungen mit Sohn und Tochter den thematischen Schwerpunkt in den „wunderbaren Jahren“. Eine große Liebe zur klassischen Musik war das wiederkehrende Thema der subtilen Augenblicksaufnahmen, die Kunze aus seinem „Haus am Sonnenhang“ las, einer Sammlung von Alltagsnotizen, die er ursprünglich nur für sich selbst verfasste, als Erinnerungshilfe ebenso wie mit dem Anliegen, verschiedene Dinge innerlich abzuschließen.
Sinnliche Erinnerungen an die Kindheit, Reflexionen über das Alter und die Liebe waren die zentralen Themen in den Gedichten aus seinem jüngsten Lyrikband. Welche große Begabung zur schnörkellosen Sprachpräzision und zum Wortspiel er besitzt, wurde dabei immer wieder deutlich, nicht zuletzt in dem federleichten und eben deshalb grandiosen kleinen Vierzeiler über das Nashorn, den Kunze als Antwort auf eine Anfrage einer Schülerzeitung schrieb: „Das Nashorn ist / ein Nashornist/ der sich nie trennt/ vom Instrument.“
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