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Neuss: Lebens(sehn)sucht

zuletzt aktualisiert: 25.04.2008 - 21:30

Neuss (NGZ). Neuss (KaTse) „Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele“ sagt Seneca, Hannas Lieblingsautor.

Die Schauspielerin Ilva Melchior erwies sich als Glücksgriff für die Rolle der Hausfrau Hanna.  Foto: NGZ
Die Schauspielerin Ilva Melchior erwies sich als Glücksgriff für die Rolle der Hausfrau Hanna. Foto: NGZ

Und als perfekte Ehefrau und Mutter, deren Leben an der Seite ihres überaus erfolgreichen Mannes sowie in der hübschen Jugendstilvilla schlechterdings nichts zu wünschen übrig lässt, kennt Hanna den Weg zum großen Seelenfrieden natürlich ganz genau. 

Alles nämlich, so die erfahrene Endzwanzigerin, ist eine Frage der richtigen Droge.

Amphetamin oder Kokain, Heroin, LSD, Ecstasy, mit jeder Form von Drogen kennt Hanna sich bestens aus, seit sie diese Tür aufgemacht hat, in die farbintensive Welt der chemisch manipulierten Synapsen, die Tür zum Glück.

Info

Nächster Termin: am Sonntag, 20 Uhr

Allerdings schluckt und schnupft sie sich nicht nur quer durch die mannigfachen Angebote des freien Marktes, sondern gibt ihr Wissen auch gerne weiter, etwa im Rahmen eines Vortrags zum Thema „Welche Droge passt zu mir?“

Mit Ilva Melchior als Hanna hat Jens Kipper für das Theater am Schlachthof einen faszinierenden Monolog von Bühnenautor Kai Hensel inszeniert und einen packenden Abend über die ganz alltägliche Sehnsucht nach Leben, Glück und Liebe sowie die Illusion von dessen schneller Konsumierbarkeit gestaltet. Dabei sind ihm gleich drei echte Glücksgriffe gelungen.

Ein Glücksfall für sich ist schon die Auswahl dieses Textes, der federleicht, fast kabarettistisch daherkommt, als verführerische Drogen-Apologie beginnt und direkten Wegs in die Hölle führt, also in seiner Struktur Verführungskraft und Folgen der chemischen Glücksversprecher nachvollzieht.

Ein zweiter Glücksfall ist das außergewöhnliche Ambiente, das Ilva Melchior und Jens Kipper gemeinsam für diesen Monolog geschaffen haben. Eine enge kleine Welt, so weiß wie das Pulver, das Hanna ständig durch die Nase zieht, ist die Bühne, auf der die Zuschauer ohne jede Distanz sitzen, eine geschlossene Welt zudem, in der alle Außenwelt gründlich verloren gegangen ist, eine unentrinnbare Falle.

Mit Musik und Videoeinspielungen konfrontiert Kipper sein Publikum immer wieder ebenso überraschend wie Drogenkonsumenten es erleben, mit grässlichen Horrorszenarien und Alptraumwelten.

Der zentrale Glücksgriff dieser Inszenierung allerdings ist die unglaubliche Ilva Melchior. So berührend wie grandios findet sie den Bogen von der perfekten Vorstadthausfrau mit perfekter Fassade und unerschütterlichem Lächeln bis zum zerbrochenen Drogenopfer.

Temperamentausbrüche im Drogenhype, düstere Depressionen danach, Melchior überzeugt in allen Facetten der Drogenkarriere, ist selbstbewusste Konsumentin, die alles über die neurochemischen Folgen jedweden Stoffes weiß, zart-zerbrechliche Glückssucherin, zerstörter Junkie am Ende.

Melchior und Kipper gelingt auf diese Weise eine unerhörte Balance zwischen leicht und eindringlich und noch viel mehr: Eine intensives Stück - frei von aller Pädagogik - über die Sehnsucht nach dem Leben, das Versprechen der Drogen und die Hölle, in die gerät, wer solchen Verheißungen erliegt.

Quelle: NGZ


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